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Wappnen gegen Wassernot

Wenn nicht mehr ausreichend Regen fällt, sinkt der Grundwasserspiegel, das wichtigste Reservoir für die Versorgung.

Auf den Punkt

  • Der Klimawandel sorgt dafür, dass es sich künftig lohnt, gegen Wasserknappheit aufzurüsten.
  • In dieser Lage zählt eine gerechte gesellschaftliche Verteilung des Grundwassers mehr denn je.
  • Selbst im eigentlich wasserreichen Deutschland ist eine nationale Wasserstrategie nötig.

Die Sorge ums Wasser hat Franz-Josef Krechtmann lange beschäftigt. Der Viehhalter aus dem Münsterland hatte auf seinem Hof im Einzugsgebiet des Halterner Stausees nicht mehr genug Druck in den Leitungen – und das bei einem der größten Vorkommen von Grundwasser in Nordrhein-Westfalen (NRW), das Millionen Menschen versorgt. Die eigenen Brunnen reichten bei ihm zuletzt aber nicht mehr.

Mehrmals hat der Landwirt neu nach Wasser gebohrt. Jetzt organisiert er mit ebenfalls Betroffenen aus der Nachbargemeinde den Anschluss ans öffentliche Wassernetz. Die Leitungen haben die Bauern kostengünstig selbst verlegt. Die Nachbarn haben gebuddelt, um die „sonst unverhältnismäßig hohen Kosten“ für den Wasseranschluss niedrig zu halten. „Ohne die Initiative der Beteiligten und ihre große Eigenleistung wäre das im Außenbereich nur schwer realisierbar“, sagt Henning Hartmann von Gelsenwassser. „Das Projekt ist auch eine Vorlage für andere Regionen.“

Auch andernorts bereitet die Wassernot nämlich immer mehr Landwirten Sorgenfalten. Die Suche nach Lösungen startet, etwa mit Regenrückhaltebecken oder Zusammenschlüssen, um das vorhandene Wasser besser zu nutzen.

Die Ackerbauern spüren Wassermangel als Erste. Sie wissen um den Ernst der Lage. Wenn nicht mehr ausreichend Regen fällt, sinkt der Grundwasserspiegel, das wichtigste Reservoir für die Versorgung. 70 Prozent des Trinkwassers werden laut Umweltbundesamt (UBA) daraus gewonnen. „Um die Versorgung sicherzustellen, muss eine ausreichende Menge vorhanden sein“, so die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). „Neubildung und Entnahme müssen zumindest im Gleichgewicht stehen.“

Grundwasser gehört allen

Das ist längst nicht mehr überall der Fall. Mit dem Klimawandel verschärft sich das Problem. In Dürrejahren wird mehr Wasser verbraucht als in Jahren mit viel Regen. Da sind Nutzungskonflikte zwischen Landwirtschaft und Industrie, Wasserversorgern oder Bergbau schnell zur Stelle. Der Streit ums Wasser ist in den vergangenen Sommern bereits hier und dort aufgeflammt.

Ein drastisches Beispiel ist Coca-Cola in Lüneburg mit dem Mineralwasser Vio. Unter dem Motto „Unser Trinkwasser gehört uns“ demonstrierten aufgebrachte Bürger gegen einen Antrag für einen weiteren Brunnen, der die jährliche Fördermenge in etwa verdoppeln sollte. Daraus folgte die Frage, wem das Wasser gehört.

Für die Initiatoren der Demonstration ist klar: „Jederzeit verfügbares Trinkwasser ist besonders in Zeiten des Klimawandels und der vermehrten Hitzesommer ein schützenswertes Gut.“ Es sei für viele Generationen vorzuhalten. Der Tenor: Unser Grundwasservorkommen gehört der Allgemeinheit und darf nicht verkauft werden.

Die Politik reagiert aber nur langsam. Zwar will Bundesumweltministerin Svenja Schulze „langfristig gedachte Konzepte“ erarbeiten, die eine „konfliktfreie Wassernutzung“ ermöglichen. Doch Ansätze ihrer nationalen Wasserstrategie stellt sie erst im Sommer 2021 vor. Wie die konkret aussehen soll, war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren.

Schulze: „Unser Land ist zum Glück noch weit von einem Wassernotstand entfernt. Ich will, dass das in Zeiten des Klimawandels auch in Zukunft so bleibt.“ Deutschland brauche eine nationale Wasserstrategie, sprich eine „Wasserhierarchie“. Sie helfe, sich früh auf den möglichen Ernstfall einzustellen. Zwar würden Entscheidungen, wer bei Knappheit Vorrang habe, letztlich immer vor Ort getroffen. „Aber sie sollten sich an gemeinsamen Spielregeln orientieren.“

1,3 %

aller Wasserentnahmen verbraucht bei uns – je nach Regen – die Beregnung.

Im bevölkerungsreichen NRW dagegen schreibt das gerade novellierte Landeswassergesetz bereits fest, dass die Versorgung mit Trinkwasser uneingeschränkt Vorrang haben muss. Das gelte auch dann, wenn längere Dürren zu Nutzungskonflikten führten.

Nach drei trockenen Sommern will Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser beim Trinkwasser keine Zweifel aufkommen lassen. „In dieser Konsequenz gibt es dies bisher in keinem anderen Bundesland.“ Demnach arbeite NRW derzeit ebenfalls an Lösungen, etwa gegen Verschwendung oder zur Wiederverwendung von Wasser. „Nutzungskonflikte müssen durch Vorausschau und Zusammenarbeit aller Akteure vermieden werden“, so Heinen-Esser.

Mehr Wasser vor Ort halten

Allerdings beanspruchen konkurrierende Nutzungen und fehlender Regen das Grundwasser gebietsweise schon so stark, dass ganze Bachläufe immer häufiger austrocknen. Im Einzugsgebiet der Mittleren Lippe in den Halterner Sanden fällt etwa der Hammbach zeitweise komplett trocken.

Dort fördert die DBU ein Projekt, das die „Stabilisierung der Grundwasserstände“ in seinem Einzugsgebiet zum Ziel hat. Lippeverband, Lippe Wassertechnik und Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft entwickeln dort ein modellhaftes Konzept, um das Grundwasser auf stabilem Niveau zu halten. Wasser wird künftig besser in der Landschaft rückgehalten, weniger verbraucht und gezielter entnommen.

„Mehr Wasser in der Landschaft zu halten, das Dargebot zu erhöhen und den Bedarf zu minimieren sind die wichtigsten Ansätze“, sagt Dr. Johannes Meßer von der Lippe Wassertechnik GmbH. Um Engpässe zu entschärfen, sei ein kluges Wassermanagement der öffentlichen Verwaltung nötig. Das müsse eine ausreichende Menge für Landwirte, Versorger und Gewässer oder Feuchtlebensräume sichern.

Temporäre Dämme halten Wasser in der Landschaft: Deutschland ist eigentlich sehr wasserreich.

Alle Konzepte seien aber mit betroffenen Landwirten, Behörden und Naturschützern zu erarbeiten. Nur so könne die im Projekt entwickelte Entscheidungshilfe auch für andere Regionen ein Modell sein. Danach wird Wasser aus Überschussgebieten, das bisher „ungenutzt“ in Oberflächengewässer fließt, künftig so umverteilt, dass defizitäre Grundwasserkörper aufgefüllt werden.

So sei es in den Halterner Sanden möglich, Drainagen und Gräben zum Entwässern von Flächen zu schließen. Das schränke jedoch die grünland- und ackerbauliche Nutzung drastisch ein. Diese Möglichkeit sei nur in Naturschutzgebieten mit entsprechender Förderung realistisch umsetzbar.

Das Konzept der Partner sieht weiter vor, die Entnahme von Grundwasser außerhalb von Wasserschutzgebieten ganz neu zu regeln. Als Entscheidungshilfe für Behörden ist nun eine Ampelkarte für das Einzugsgebiet des Hammbachs verfügbar. Darauf ist die Landschaft exakt eingeteilt: Rot erlaubt keine Wasserentnahme, gelb heißt in geringem Umfang möglich, und grün zeigt, wo „größere Mengen“ entnommen werden dürfen. Ein Folgeprojekt soll bis 2022 auch die Kosten ins Visier nehmen. Meßer sagt: „Dabei sollen bezahlbare Wasserpreise auch künftig gewährleistet werden.“

Modernes Management gefordert

Die Neuordnung müssten vor allem Politik und Verwaltung umsetzen. Sie müssten Wasser etwa zur Beregnung freigeben. Zwar ist in extremen Dürrejahren der Bedarf im Ackerbau nicht zu decken, aber eine effizientere Bewässerung mit Tröpfchen aus Schläuchen statt mit Kanonen ermöglicht Chancen, zumal künftig immer mehr Anbauer in die Bewässerung einsteigen. So hat zum Beispiel Kartoffelanbauer Kristian Oetker aus dem niedersächsichen Twistringen kräftig in Beregnung investiert.

Zwar müssen die Grundwasserspiegel laut EU-Wasserrahmenrichtlinie so hochgehalten werden, dass Oberflächengewässer und Ökosysteme nicht in Gefahr geraten. Doch das klappt bisher nicht überall. So sind künftig häufiger neue Tümpel, naturnahe Weiher oder eigene Auffangbecken für Regen- oder Drainagewasser anzulegen, um das knappe Gut Wasser zu halten. In einigen Bundesländern, etwa Bayern, wird das mittlerweile sogar staatlich gefördert.

Ein Beispiel liefert Klaus Keppler aus dem schwäbischen Uttenweiler. Er hat auf eigene Kosten ein 1 ha großes Wasserrückhaltebecken erstellt. Der Speicher dient nicht nur als Puffer für die Beregnung. Vielmehr erschließt er auch eine neue Einnahmequelle, weil er zum Teich als Biotop gleich ein Blockhaus für Gäste mitgebaut hat.

Landwirte sind Hauptbetroffene

Mit dem Klimawandel lohnt es sich, sich gegen Wassernot zu rüsten. Extreme Wetterlagen mit Naturkatastrophen richten sonst enorme Schäden an. In dieser Lage zählt eine gerechte Wasserversorgung mehr denn je. Wenn Starkniederschläge ganze Böden wegspülen, ist die Wasserverteilung gesetzlich besser zu regeln.

Extreme Wasserstände, steinharte Böden, verdörrte Ernten, brennende Wälder, mangelnder Sauerstoff in Flüssen und aufgeheizte Seen in einem wasserreichen Land fordern endlich Strategien. Landwirte gehören zu den Hauptbetroffenen von Wassernot. Sie tragen aber auch viel dazu bei, die Folgen der Erderwärmung zu mildern. „Aber dazu“, sagt Franz-Josef Krechtmann, „müssen wir genug Wasser abkriegen.“

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