Vorsicht Kostenfalle

Auf den Punkt

  • Die Produktionskosten im Ackerbau steigen zurzeit wie seit Jahren nicht mehr.
  • Noch gleichen die aktuell hohen Erzeugerpreise den Kostensprung aus.
  • Sie sollten die veränderte Kostenstruktur bei der Vermarktung aber unbedingt berücksichtigen.

Die Getreide- und Ölsaatenernte 2021 ist Geschichte. Viele Betriebe haben auch die Vermarktung bereits weitgehend abgeschlossen. Kein Wunder bei der aktuell erfreulichen Marktlage: Wann konnte ein B-Weizen schon je zuvor zum Preis von 230 Euro/t und mehr frei Erfasser am Markt untergebracht werden? Im August und September war das über Wochen möglich. Trotz oftmals enttäuschender Erträge konnten Ackerbauern sich über eine Marktleistung freuen, die über dem Niveau der Vorjahre liegt.

Die im Vergleich zu den Vorjahren hohen Getreide- und Rapspreise, die jetzt für die Ernte 2022 geboten werden, veranlassen einige Betriebe, bereits heute einen Teil der nächstjährigen Ernte zu vermarkten. Das ist sicher richtig und zu begrüßen, falls die Kontrakte einen sicheren Gewinn erwarten lassen.

Nach Jahren der Stabilität steht die Landwirtschaft vor einem erheblichen Kostensprung. Andreas Lieke Geschäftsführer LBB Göttingen

Andreas Lieke, Geschäftsführer LBB Göttingen

Wichtigster Orientierungspunkt für viele Betriebsleiter ist die Kostendeckung – manchmal auch die Frage der Kapitaldienstfähigkeit. Aber können die Kostenstrukturen der vergangenen Jahre einfach auf kommende Wirtschaftsjahre fortgeschrieben werden? Sicher nicht, wenn man die aktuell in die Höhe schießenden Preise für zahlreiche Betriebsmittel ins Kalkül zieht.

Betriebleiter haben, abgeleitet von der Kostenstruktur der Vorjahre, in der Regel eine klare Vorstellung, welche Marktleistung für ein ausgeglichenes Unternehmerergebnis erforderlich ist. Gute Ackerbauern kennen die Herstellungskosten je Getreideeinheit in ihrem Betrieb. Sie können in jeder Marktphase schnell entscheiden, ob aus einem Kontrakt ein Gewinn oder ein Verlust folgt. Auch die Beratung stellt bei der Aufstellung von Planungen oder Voranschlägen in der Regel auf die Kostenstruktur der Vorjahre ab.

Dramatische Kostenexplosion

Doch im aktuellen Wirtschaftsjahr 2021/22 verändern sich die Kosten gerade dramatisch. Explodierende Energiepreise, dazu die CO2-Abgabe, Lieferengpässe vom Abwasserrohr bis zum Schlepper, Personalknappheit und Preisaufschläge an allen Ecken: Nach Jahren relativ stabiler Kosten steht die Landwirtschaft derzeit vor einem – mindestens vorübergehenden – erheblichen Kostensprung. Ob, wann und wie hier mit einer Erholung zu rechnen ist, ist gegenwärtig reine Spekulation. Darum ist es umso wichtiger, die sich verändernden Produktionskosten im Blick zu behalten.

Da noch keine aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes vorliegen, haben wir die aktuellen Kosten im Ackerbau vorsichtig kaufmännisch geschätzt. Grundlage sind dabei einzelne Preisabfragen sowie Erfahrungswerte der Kostenstruktur aus der betriebswirtschaftlichen Beratungspraxis. Die hohe Volatilität der Preise und regionale Besonderheiten zwingen jeden Betrieb dennoch, für sich selbst zu prüfen, ob die Annahmen auf die eigene Situation übertragbar sind.

Die Kostenschätzung für 2022/23 zeigt eines deutlich: In Folge der massiven Verteuerung von Stickstoffdünger, aber auch anderer Grundnährstoffe sowie moderater Preisanpassungen bei Pflanzenschutz und Saatgut muss mit einem sprunghaften Anstieg der Direktkosten um etwa 44 Prozent gerechnet werden; das entspricht rund 184 Euro/ha (siehe Tabellen "Produktionskosten im Ackerbau" auf Seite 47).

Landtechnik wird teurer

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei den Arbeitserledigungskosten ab. Seit 2018 verlief die Entwicklung der Lohnkosten eher gedämpft. Doch jetzt lassen massive Teuerungsraten bei privaten Verbrauchsgütern, Personalknappheit und Nachholbedarf bei den Tarifabschlüssen die Löhne und nicht zuletzt die Lohnnebenkosten spürbar steigen.

Bei der Landtechnik haben Lieferengpässe und eine hohe Nachfrage – nicht zuletzt durch die Mittel der sogenannten Bauernmilliarde – zu festen Preisen und langen Lieferzeiten geführt. Es muss damit gerechnet werden, dass diese Mehrkosten auf die Lohnarbeit, die Maschinenmiete und den -unterhalt sowie anteilig auf die Abschreibung durchschlagen. Zugleich steigen die Treib- und Schmierstoff- sowie Pkw-Kosten überproportional stark.

In Summe ist für die Arbeitserledigung mit Kostensteigerungen von 10 bis 15 Prozent von 2019 auf 2022 zu rechnen. Landwirte, die Lohnarbeit anbieten, sollten darum frühzeitig die Abrechnungssätze mit ihren Kunden und Partner besprechen, um spätere Streitigkeiten zu vermeiden.

Die Flächenkosten steigen aufgrund der Kauf- und Pachtpreisentwicklung ebenfalls weiter um vergleichsweise moderate 7,5 Prozent. Damit verteuert sich die Produktion im Ackerbau nach unserer Schätzung insgesamt um rund 20 Prozent oder ein Fünftel – und dies, ohne dass die Intensität erhöht werden könnte. Denn das verhindern die verschiedenen neuen Umwelt- und Produktionsauflagen zum Beispiel für den Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln.

Unterstellt man also vergleichbare Erträge, liegen die Produktionskosten je Getreideeinheit (GE) um 3,90 Euro höher als im Durchschnitt der Wirtschaftsjahre 2018/19 und 2019/20. Allein die Verteuerung der Mineraldünger verursacht einen Anstieg der Produktionskosten um 2,4 Euro/GE.

Vorvermarktung ist noch rentabel

Die Vorvermarktung war Anfang Oktober bei Getreide etwa 3 Euro/GE besser als es für die Ernten 2018 und 2019 möglich war. Bei Raps liegen die Aufschläge in diesem Herbst sogar zwischen 5 und 6 Euro/GE. Die Kostensteigerungen werden derzeit also durch höhere Erzeugerpreise für die wichtigsten Ackerkulturen ausgeglichen. Dennoch: Als Ackerbauer müssen Sie die Kostensteigerungen bei der Einordnung der erzielbaren Erzeugerpreise einbeziehen. Sie haben erheblichen Einfluss auf das Betriebsergebnis.

In der Vergangenheit haben die Kosten der Mineraldüngung und die Agrarpreise eng korreliert. Vor dem Hintergrund der nicht nur in Deutschland eingeführten CO2-Abgabe und des Green Deals mit seiner geplanten Reduktion der Düngung ist allerdings mittelfristig mit einer spürbaren Entlastung bei den Düngekosten zu rechnen.

Ein Rückgang der sonstigen Kostensteigerungen von 1,4 Euro/GE ist hingegen nicht zu erwarten. Darauf sollten Sie sich bei der Vermarktung und Betriebsplanung einstellen. Sonst schnappt die Kostenfalle blitzschnell zu, wenn die Erzeugerpreise für Weizen, Gerste und Raps herunterpurzeln sollten. (leh) 

Sechs Tipps aus betriebswirtschaftlicher Sicht

  • Gibt es Reserven bei der Effizienz des Betriebsmitteleinsatzes oder der Arbeitserledigung? Betriebe mit hoher Produktivität profitieren in diesen Phasen doppelt: Kostensteigerungen fallen etwa ein Drittel geringer aus und wirken sich auf ein geringeres Ausgangskostenniveau aus. Der Abstand zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Betrieben wächst.
  • Prüfen Sie, ob die Preis- und Kostenentwicklung die Anbauwürdigkeit der Kulturen in Ihrem Betrieb verändert.
  • Gibt es in der Fruchtfolge oder im Anbauverfahren Stickstoffverluste, die reduziert werden können? Dann sollten Sie hier ansetzen.
  • Ist das gewählte Mechanisierungs- und Personalkonzept den Herausforderungen gewachsen und wettbewerbsfähig?
  • Können Sie Mineraldünger und damit Produktionskosten durch eine Kooperation mit Veredlungsbetrieben einsparen?
  • Behalten Sie stets die Liquidität im Blick: Ist Ihr Betrieb auch bei einem Absturz der Weizenpreise auf 190 Euro/t noch kapitaldienstfähig?
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