Herz-Ass fürs Grünland

Die elektrische Fronthubwerksentlastung gibt es im CNH-Konzern nur für den Steyr Expert.

Auf den Punkt

  • Der Steyr Expert bekommt eine Ausstattung, die es sonst bei keiner anderen CNH-Marke gibt.
  • Eine Entlastung am Fronthubwerk lässt das Anbaugerät schweben.
  • Viele Funktionen wie das automatische Wenden erwartet man erst bei größeren Traktoren.

Bescheidenheit ist nicht seine Stärke: Der neue Kompakttraktor von Steyr nennt sich Expert und soll das Ass im Wettstreit der Kompakttraktoren sein. Mit ihm pokert CNH gegen den Fendt 314 Vario, den Claas Arion 460 oder den John Deere 6120M. Das Grundkonzept: kompakter Vierzylinder, hochwertig ausgestattet mit kurzem Radstand und viel Nutzlast. Ob er einen Stich gegen die starken Mitbewerber machen kann, haben wir im Grünland getestet.

Als Marke gehört Steyr zum CNH-Konzern und dort werden die Karten gerade neu gemischt. Unterschieden sich in der Vergangenheit die Traktoren von New Holland, Case IH und Steyr nur wenig, soll nun damit Schluss sein. „Produktdifferenzierung“ ist das mächtige Wort, dass von der Konzernleitung bis nach St. Valentin, der österreichischen Heimat der Marke, schallt.

Die Traktoren basieren weiterhin auf derselben Plattform – also Motor, Getriebe, Hinterachse und Grundhydraulik sind gleich. Sie sollen sich aber stärker in Ausstattung und Funktionen unterscheiden. Der Steyr Expert gehört zu den ersten Modellen, an denen das bereits sichtbar wird mit einer Ausstattung, die es nur hier gibt: die Bedienarmlehne mit dem Fahrhebel Multicontroller II und die elektrische Fronthubwerksregelung mit Entlastung.

Schnurrt mit massig Drehmoment

Der Steyr Expert trumpft auch mit inneren Werten auf: Den 4-Zylinder-Motor liefert die Konzernschwester Fiat Power Train (FPT). Er gehört mit seiner

Charakteristik und dem hohen Drehmoment derzeit zu den besten Motoren in diesem Leistungsbereich. Stolz ist man darauf, dass keine Abgasrückführung verbaut ist. Stattdessen drückt ein Wastegate-Turbolader Frischluft in die Zylinder.

Wir sagen, dass der 4,5-l-Motor sehr gut zum Expert passt. Er liefert 130 PS Nennleistung und maximal 140 PS – ganz ohne Boost. Auch selten: Den Umkehrlüfter gibt es ab Werk! Eine Motorstaubremse (579 Euro) ist in der Leistungsklasse bis 140 PS selten. Auf Betrieben, die den Traktor viel im Transport fahren, kann sie Bremsbeläge schonen.

Alles außer Gänge schalten

Der Expert fährt immer stufenlos. Das CVT-Getriebe hat vorwärts zwei Fahrbereiche, die über eine Doppelkupplung automatisch wechseln – der Fahrer bekommt davon nichts mit. Ein neuer Eco-Draft-Modus verhindert, dass der Expert bei Arbeiten um 12 km/h ständig die Gruppe wechselt. Zum Richtungswechsel schaltet die Wendeschaltung mechanisch (statt über das Schwenken der Hydropumpe).

Fahren ist so einfach wie Mau-Mau-Spielen: Tritt der Fahrer auf die Bremse, geht der Traktor in den aktiven Stillstand; lässt er das Pedal los, fährt der Expert los.

In unserem Expert saßen wir in der neuen Panoramakabine. Sie hat mit den vier Pfosten und dem durchsichtigen Dach ihren Namen verdient und öffnet ihre Pforten immer zu beiden Seiten. Aus unserer Sicht ist die neue Kabine im Vergleich zur Hoch- und Niedrigdachkabine die erste Wahl, für Experten mit Frontlader sowieso. Sie ist nur 3 cm höher als das Niedrigdach und in der High-End-Version leuchten vorne vier LED-Arbeitsscheinwerfer. Das sollte genügend Licht in die Dunkelheit bringen.

Nur in der neuen Panoramakabine parkt der Scheibenwischer hinter dem Lenkrad und nicht wie bisher üblich oben im Sichtfeld. Außerdem gibt es den Stauraum hinter dem Lenkrad, der sogar 1-l-Flaschen kühlt. Warum man mit verbauter Klimaautomatik noch eine Minidachluke braucht, ist uns allerdings ein Rätsel.

Ein durchsichtiges Dachfenster an der Vorderseite macht die Kabine sehr hell. Solange die Scheibe sauber ist, bringt es super Sicht auf den Lader. Der schmale Steg an der Kante schränkt kaum ein. Vom Beifahrersitz können sich andere Marken etwas abschauen.

In der A-Säule hängt die mächtige Monochrom-Anzeige. Uns hätte das Display aus dem neuen Bedienkonzept Steyr Terrus (siehe Beitrag „Steyr sorgt für Durchblick in“ agrarheute 09/2021) besser gefallen.

In Sachen Armlehnen ist für uns klar, was für eine Karte wir hier ziehen: die Armlehne Multicontroller II, die es nur für den Steyr und nicht für Case-IH-Traktoren gibt. Sie bietet auch mehr: Der Joystick auf der Multicontroller-II-Armlehne kann Wendeschaltung und eine Schwimmstellung mehr und hat sogar frei programmierbare Tasten. Nachteil: Das Terminal sitzt nicht auf der Armlehne, sondern an der Seite an einer Halterung. Es gibt nur eine Eingabemöglichkeit und zwar über den Touchscreen.


Die Größe der Kabine passt. Vor dem Lenkrad gibt es einen gekühlten Stauraum. Die Türen machen einen stabilen Eindruck.

Nur für Steyr gibt es die Armlehne Multicontroller II mit einem eigenen Fahrhebel und dem Bedienpad neben der Armablage.

Sind Receiver und Lenkwinkelsensoren an Bord, lenkt der Expert nicht nur in der Spur, sondern wendet sogar automatisch!

Die neue Panoramakabine ist gelungen und bringt Licht ins Innere. Sie ist nur geringfügig höher als die Niedrigvariante. Der Scheibenwischer parkt jetzt unten.

Hydraulik für Große mit Makel

Experten arbeiten nicht mit Zahnradpumpen, sondern immer mit den aufwendigeren Axialkolbenpumpen und 110 l/min. Das ist mehr als ausreichend und sollte auch für ölhungrige Hydraulikmotoren und -steuerungen ausreichen.

Im Heck haben sich die Ingenieure etwas Praktisches einfallen lassen: Eine Metallplatte räumt alle Steuerventile und damit auch das Heck ordentlich auf. Die Zwischenachssteuergeräte sind immer elektrisch und im Heck sind zwei elektrohydraulische Ventile möglich.

Und es gibt sie noch, die rustikalen Hebel auf der Seitenkonsole für zwei mechanische Hecksteuerventile. Sie können nicht ins Vorgewendemanagement aufgenommen werden – schade! Für einen High-End-Traktor, wie der Experte einer sein möchte, sollte das möglich sein.

Steyr baut übrigens keine Frontladerkonsolen mehr von Hydrac an die Traktoren. Ab Ende dieses Jahres liefert der französische Hersteller MX die Anbaurahmen. Universalkonsolen für andere Hersteller gibt es aber weiterhin. Die Konsolen und Abstützungen sind meistens preislich interessanter als die Nachrüstung und die Hydraulik bis zum Multikuppler ist passend verlegt. Und der Expert hat alles, was ein Frontladertraktor so braucht: Er ist wendig, hat mit 140 PS ordentlich Leistung und passt mit 2,85 m noch durch niedrige Durchfahrten. Als Allrounder auf dem Hof muss er aber mehr können. Das elektronische Fronthubwerk (EFH) macht den Traktor zum Herz-Ass fürs Grünland.

Die Entlastung ist eine Besonderheit, die nur wenige Mitbewerber anbieten. Es gibt sie nur in Kombination mit der Multicontroller-II-Armlehne und daher auch nur für Steyr. Ohne Kalibrierung stellt der Fahrer den Entlastungsdruck ein. Ein hoher Entlastungsdruck bedeutet einen geringen Auflagedruck.


Das passt: 4,5 l Hubraum und 140 PS. Dem Vierzylinder von FPT hilft ein Wastegate-Turbolader beim Frischluftschnorcheln

Geschoben und gefedert: Die Vorderachse in der HD-Variante verträgt mehr Last und ist gefedert, der Wartungsaufwand gering.

Elektrische Mittenachssteuergeräte versorgen das Fronthubwerk. So ist auch die externe Bedienung möglich.

Schick verpackt und einfach angeschlossen: Die Steuerventile warten aufgeräumt an der neuen Kuppelplatte. Wir vermissten Entlastungshebel.

Schweben statt schmieren

Unsere Einsatz erfolgte mit einer einfachen Front-Heck-Kombination von Krone. Wir setzten das Frontmähwerk auf einer Waage ab und stellten den Auflagedruck auf rund 80 kg ein. In hügeligen Wiesen mit wechselnden Bedingungen konnte die elektrische Entlastung zeigen, was sie kann.

Besonders deutlich wird das bei Wildschäden. Während der Mähbalken am Heckmähwerk schmierte, schwebte das Frontmähwerk leicht über die verwüstete Grasnarbe. Am Steilhang hebt die Entlastung den Mähbalken an, belastet dadurch die Vorderachse und hält sie dadurch lenkbar.

Für Bodenhaftung auf der Straße sorgt die Vorderachsfederung. Mit dem kurzen Radstand von 2,49 m ist sie aus unserer Sicht Pflicht, genauso wie die verstärkte

HD-Achsversion. Die kann nochmals mehr Last abfedern (Frontlader!). Daran sollte man bei der Konfiguration unbedingt denken: Die stärkere Achsvariante mit Lenkwinkelsensoren (5.765 Euro) ist Voraussetzung für ein automatisches Lenksystem. Ohne sie ist ein Nachrüsten der Spurführung fast unmöglich. Die größten Hinterreifen in der Dimension 600/60 R38 haben einen Durchmesser von 1,75 m. Auch Mitbewerber können hier nicht mehr. Die Reifen gibt es auch in der teuren VF-Version für geringen Reifeninnendruck.

Gleich und doch verschieden: Der Case IH Vestrum ist das pendant zum Steyr Expert. Er kriegt nicht die Hubwerksentlastung und auch nicht die Steyr-Armlehne Multicontroller II.

Unser Testurteil

Steyr mischt mit dem Expert CVT und viel Ausstattung im Premiumsegment mit. Das zeigt auch der Listenpreis von 163.182 Euro für unsere Volle-Hütte-Testmaschine. Der tollen Panoramakabine fehlt ein frisches Bedienkonzept, so wie es die größeren Modelle Terrus und Absolut bereits bekommen. Der Fahrkomfort ist sehr gut und die Only-Steyr-Armlehne hat einiges zu bieten. Das Fronthubwerk entlastet super und ist kinderleicht einstellbar. Wer auf ebenen Flächen mäht und auch keinen Frontpacker einsetzt, braucht die Entlastung nicht und spart sich rund 2.000 Euro.

Der Unterschied des Steyr Expert zu den Traktoren der Schwestermarken ist zaghaft vorhanden. Als wirkliches Entscheidungskriterium für eine Marke reicht es noch nicht. Vor allem Steyr und Case IH werden sich in den nächsten Jahren mehr voneinander abgrenzen. Der Steyr Expert dürfte als Premiummarke auch weiterhin einen Stich mit viel Ausstattung machen. ●

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