Digital ist nicht real

Lohnunternehmer Thilo Jäger hat seinen Maschinenpark für die teilflächenspezifische Bewirtschaftung nach Applikationskarten aufgerüstet.

Auf den Punkt

  • Jeder Landwirt muss das passende Programm für seinen Betrieb finden.
  • Der Einstieg in die Digitalisierung beginnt mit exakt angelegten Stammdaten.
  • Mithilfe von Applikationskarten lässt sich im Büro mehr Geld verdienen als auf dem Acker.

„Schnell, ihr müsst los, wenn ihr die Maisdrille noch im Einsatz sehen wollt!“ Mit diesen Worten schickt uns Lohnunternehmer Thilo Jäger vom Hof raus auf den Acker. Hier ist sein Mitarbeiter Joscha Eichhorn mit der Lemken Azurit unterwegs und legt Saatgut und Dünger nach den Vorgaben der Applikationskarte ab.

Gerade noch rechtzeitig treffen wir auf dem Acker im Heidekreis ein. Noch drei Fahrten und der Auftrag ist abgearbeitet. Ablagetiefe, Anpressdruck und Saatmenge: Für die teilflächenspezifische Maisaussaat kann an mehreren Stellschrauben gedreht werden – zumindest in der Theorie. Das Ziel der teilflächenspezifischen Aussaat ist es, durch höhere Aussaatstärken in Hochertrags- zonen das Ertragspotenzial besser ausschöpfen zu können. Dagegen sollen die geringeren Aussaatstärken in Zonen mit geringerem Ertragspotenzial die Stresstoleranz, vor allem bei Wassermangel, erhöhen.

Der Nutzen liegt somit weniger in der Einsparung von Saatgut als in der Realisierung von Mehrerträgen durch eine bessere räumliche Verteilung. Der ökonomische Vorteil wird stark vom Aufwand für die teilflächenspezifische Maissaat bestimmt. Er setzt sich aus den Kosten für Maschinen und der Applikationskartenerstellung zusammen.

Aufwand und Nutzen

Nun sind wir beim heiß diskutierten Thema angekommen: Applikationskarten. Für wen sind sie sinnvoll, wie werden sie erstellt und lohnt sich der Aufwand?

Applikationskarten, die Standortunterschiede ungenau oder gar falsch abbilden, erhöhen das Risiko von Mindererträgen im Vergleich zur einheitlichen Aussaat. Deshalb muss vor der Saat einiges an Vorarbeit geleistet werden. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt werden müssen, für wen „Digital Farming“ geeignet ist und wie man seine Kunden und Kollegen überzeugt, sind nur einige Fragen, die wir Thilo Jäger im Gespräch auf dem Hof gestellt haben.

Datenmanagement in der Traktorkabine: Das Zusammenspiel der einzelnen Anbieter wird immer besser, ist aber noch nicht am Ziel angelangt.

Der gelernte Landwirt aus Bommelsen in Niedersachsen hat sich auf das Lohnunternehmen konzentriert und es in den letzten Jahren ausgebaut. Der 80 ha umfassende landwirtschaftliche Betrieb wird von seinem Vater und seinem Bruder bewirtschaftet. „Die beiden Unternehmen sind in puncto Digitalisierung keine Einheit“, erklärt uns Thilo Jäger gleich zu Beginn des Gesprächs.

Der Lohnunternehmer kann sich seine Arbeit ohne digitale Unterstützung kaum noch vorstellen. Für ihn wird das Geld nicht nur auf dem Acker, sondern auch im Büro verdient. Für den Lohnunternehmer bedeutet es vor allem die Freiheit, seine Fahrer vom Büro aus mit Daten versorgen und flexibel auf Änderungen reagieren zu können.

Erfahrung sticht Digitalisierung

Die Dienstleistungen, die er seinen Kunden anbietet, finden auf dem Familienbetrieb noch wenig Anklang. Hier wird „traditionell“ gewirtschaftet: Dünger und Saatgut im Frühjahr bestellt und nach guter fachlicher Praxis ausgebracht. Die Landwirtschaft ist arbeitsaufwändig und Bürokratie zieht immer mehr ein. Ein Grund, der dazu geführt hat, dass Jäger das digitale Angebot ausgeweitet hat. Er will das Bürokratiemonster mit digitalen Hilfsmitteln in Schach halten.

Nur wenn die landwirtschaftlichen Betriebe der Kunden elektronisch erfasst sind, kann Jäger seine Dienstleistungen auch teilflächenspezifisch anbieten. Die Stammdatenpflege ist die Basis für sämtliche Arbeiten. Hier arbeitet er mit mehreren Softwareherstellern zusammen, die unterschiedliche Lösungen anbieten.

Damit die Applikationskarte rechtzeitig bei Eichhorn auf dem Schlepper ankommt, ist einiges an Vorarbeit nötig. Flächen müs-sen erfasst und Bodenproben gezogen werden. Bereits seit vielen Jahren bieten Jägers Bodenproben und Flächenvermessungen an.

Geländegängige Fahrzeuge rücken aus, um satellitengestützt Bodenproben zu ziehen. Hierfür werden entweder Zonenkarten selbst erstellt oder vom Kunden vorgegeben und abgearbeitet. Nur durch die punktgenaue Probenahme ist eine langfristige Übersicht über die verfügbaren Nährstoffe auf den Flächen gewährleistet. Die Ergebnisse der Proben werden in den digitalen Karten exakt dokumentiert. Sind die Stammdaten erst einmal in der Software hinterlegt, ist der Schritt zur bedarfsgerechten Applikationskarte nur noch ein kleiner Schritt – mag man denken.

Die Praxis lehrt einen Besseres. Viele Betriebsleiter sind dafür noch nicht bereit oder haben keinen Kopf dafür. Auch mit dem Wissen, dass man in der aktuellen Situation mit extrem hohen Düngerkosten einiges an Kosten sparen kann. Es fehlt an Erfahrung mit den Softwareprogrammen, Vertrauen in die Technik und auch an Zeit.

Im Büro lässt sich Geld verdienen

Seitdem Hauke Wrigge als Praktikant den Lohnunternehmer bei der Planung im Büro unterstützt, werden ihm die Vorteile der Digitalisierung immer mehr bewusst. Statt die Zeit auf dem Acker zu verbringen, muss die Arbeit im Büro optimiert werden. Hier lässt sich mehr Geld verdienen. Jäger und Wrigge diskutieren nahezu täglich darüber, wie sich die Dienstleistung ums Datenmanagements verkaufen lassen kann.

„Wir benötigen Stammdaten zu den Flächen.“ Da sind sich Hauke Wrigge (links) und Thilo Jäger vom Agrar-Service VIBO einig.

Hauke Wrigge hat zunächst eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration gemacht und sich damit ein großes Wissen für das Datenmanagement angeeignet. Gepaart mit dem landwirtschaftlichen Fachwissen kann er im Nu Aussaatkarten auf Basis von Bewirtschaftungszonen erstellen und auf Plausibilität prüfen. Trotz aller Affinität zur Software muss aber auch der Praktikant einräumen, dass es oftmals noch Probleme bei Schnittstellen gibt. Mal funktioniert der Datentransfer von der Ackerschlagkartei zur „offiziellen“ Stelle nicht. Ein anderes Mal scheitert es an der Netzabdeckung bei der Datenübermittlung. Das ist der Knackpunkt. Solange das System nicht rund läuft, wird es kritisch betrachtet. Kommen die Daten auf dem Traktorterminal an, ist es für Eichhorn ein Kinderspiel, die Maisaussaat standortoptimiert durchzuführen. ●

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