Praxisfall des Monats

Die schönsten Ferkel trifft es bei der Ödemkrankheit zuerst

Seitdem Daniel Ley die Ferkel gegen die Ödemkrankheit impft, laufen die Tiere gesund durchs Flatdeck.

Auf den Punkt

  • Die Ödemkrankheit der Ferkel kann bis zum Totalausfall einer Absetzgruppe führen.
  • Im beschriebenen Betrieb erwies sich die Impfung gegen das Shigatoxin als gute Prophylaxe.
  • Sie ist die beste Alternative zum Einsatz von Antibiotika und hohen Zinkmengen im Futter.

Schweinehalter Daniel Ley aus dem baden-württembergischen Blaufelden (Hohenlohe) erinnert sich noch heute mit Schrecken an das damalige Szenario: Auf leichten Absetzdurchfall der Ferkel folgte innerhalb weniger Stunden und Tage der Totalausfall einer Absetzgruppe. Ohne Vorwarnung verendeten vor allem die frohwüchsigsten Ferkel. Jede therapeutische Maßnahme kam zu spät. Der Verdacht auf die Ödemkrankheit und Shigatoxin-bildende Escherichia-coli-Bakterien, die kleinste Blutgefäße zerstören und zu Organversagen führen, lag nahe. Er hat sich letztlich bestätigt (siehe Kasten „Steckbrief Ödemkrankheit“ auf Seite 40). Doch der Reihe nach.

Wir schreiben das Jahr 2015. In der Ferkelaufzucht des Betriebs mit 280 Sauen und 1.000 Mastplätzen, den Daniel Ley gemeinsam mit seinem Vater als GbR bewirtschaftet, kommt es vermehrt zu Problemen. „Es ist schon belastend, wenn du morgens in den Stall gehst und alles ist noch in Ordnung, aber abends liegen dann die toten Ferkel in der Bucht“, erinnert sich der 30-jährige Betriebsleiter nur unwillig an diese Zeit. Verluste von über 10 Prozent hätten zu spürbaren wirtschaftlichen Einbußen geführt.

Antibiotika war nicht die Lösung

„Wir haben erst eine Weile gesucht, woran es liegen könnte. Nachdem Colikeime als Erreger identifiziert wurden, haben wir zunächst versucht, die Ödemkrankheit mit einem bestandsspezifischen Impfstoff einzudämmen“, berichtet Ley. Der habe aber nicht zufriedenstellend funktioniert. Erst mit einem antibiotischen Kombipräparat mit Zinkoxid (ZnO) als Metaphylaxe habe man den Erreger in den Griff bekommen. „Der Einsatz von Antibiotika war für uns aber keine langfristige Lösung“, betont der junge Landwirt, dem ein nachhaltiges Wirtschaften ein wichtiges Anliegen ist.

Eine solche Lösung fand sich erst mit dem Einsatz eines speziellen Impfstoffs, der das Shigatoxin des nur beim Schwein vorkommenden E.-coli-Stamms entschärft. Das Vakzin veranlasst das Immunsystem der Ferkel, Antikörper gegen das Bakteriengift Shigatoxin 2e zu bilden, das einen vielfach tödlichen Krankheitsverlauf verursacht.

Für Tierarzt Dr. André Groschke brachte die Shiga-Impfung den Durchbruch im Betrieb Ley.

Impfung brachte Durchbruch

Bestandstierarzt Dr. André Groschke vom Tierärzte Team Tiefenbach in Crailsheim bestätigt, dass die gezielte Shiga-Impfung den Durchbruch im Betrieb Ley gebracht hat. Allerdings sei auch die richtige Absetzstrategie inklusive einer optimierten Fütterung der Ferkel entscheidend. „Das Absetzen ist ein multifaktorieller Komplex und es ist mir sehr wichtig, die Betriebe hierbei zu unterstützen“, unterstreicht der Tierarzt. Dazu gehöre auch, das Auge der Landwirte für die Ödemkrankheit zu sensibilisieren.

Die gefürchteten Absetzdurchfälle sind seit dem großen Ausbruch der Ödemkrankheit im Betrieb Ley Geschichte. „Seit 2016 haben wir den Shiga-Impfstoff erfolgreich in unser Impfschema für die Ferkel integriert“, sagt Daniel Ley. Mittlerweile müssten nur noch einzelne Tiere behandelt werden. „Vermutlich sind sie bei der Impfung einfach nicht fit genug gewesen, um eine gute Immunität auszubilden“, erklärt der Landwirt. Auf den Einsatz von Antibiotika und Zink kann er heute nahezu gänzlich verzichten.

Den Darm gesund füttern

Neben der Impfung spielt für Ley das Futter eine entscheidene Rolle, um Absetzdurchfällen vorzubeugen. So achtet er in der Ferkelaufzucht auf eine ausreichende Rohfaserversorgung und eine gute Magen-Darm-Gesundheit. „Dabei reize ich die Zunahmen nicht bis zum letzten Gramm aus, damit die Tiere noch Reserven haben“, bekräftigt der Schweinehalter. Unter anderem setzt er Säuren im Futter ein und achtet penibel auf das Verschneiden der Futterrationen, damit der Wechsel fließend verläuft.

Ferkel mit stabiler Darmgesundheit verkraften die Absetzphase leichter. Neben der Impfung spielt hierfür die Fütterung der Tiere rund ums Absetzen eine entscheidene Rolle.

Den Grundstein für eine gute Darmgesundheit der Ferkel legt Daniel Ley in der Abferkelbucht. Die Tiere bekommen ab dem siebten Lebenstag für eine Woche einen reinen Prestarter, der dann bis zum Absetzen auf 50 Prozent Getreideanteil verschnitten und bis eine Woche nach dem Absetzen gefüttert wird. „Das bremst wegen der geringeren Schmackhaftigkeit gegenüber einem reinen Prestarter ein wenig die Absetzgewichte, kommt aber in der späteren Aufzucht den Tieren zugute“, weiß der Landwirt.

Die Ferkel erhalten dann bis 12 kg Lebendgewicht ein Ferkelaufzuchtfutter (FAZ) 1, bis 18 kg FAZ 2 und bis zum Verkauf mit rund 30 kg FAZ 3. Daniel Ley verschneidet bei jedem Futterwechsel über drei Tage die Rationen, um den Stress für den Magen-Darm-Trakt der Ferkel zu minimieren. Tierarzt André Groschke unterstützt diese Strategie zur Darmstabilisierung und ergänzt: „Der überwiegende Teil der Abwehrmechanismen ist im Darm der Ferkel lokalisiert. Mit einem gesunden Darm ist also schon viel gewonnen!“

Milchleistung der Sauen im Fokus

Gewonnen hat Daniel Ley, davon ist er überzeugt, auch mit der Modernisierung des alten Abferkelstalls. Seit Anfang 2020 ferkeln die Sauen dänischer Herkunft in geräumigen 6,75 m² großen Buchten frei ab – in zwei Gruppen mit jeweils 44 Buchten im 3-Wochen-Rhythmus.

„Die Erdrückungsverluste sind bis auf wenige bekannte Problemsauen sehr gering“, sagt der Landwirt. Groß sei der Gewinn vor allem für die Tiergesundheit. So habe er heute keine MMA-Probleme mehr bei seinen Sauen.

Frohwüchsige und vitale Ferkel sind das Ergebnis einer umsichtigen Fütterungs-und Gesundheitsstrategie. Den Grundstein legt Daniel Ley bereits im Abferkelstall.

Eine wichtige Stellschraube für vitale und leistungsstarke Ferkel sieht Daniel Ley in der Milchleistung seiner Sauen. „Sobald sie genug Milch geben, gibt es weniger Erdrückungsverluste und auch weniger Kümmerer. Die Sauen lassen ihre Ferkel dann in Ruhe saufen und sind zufrieden“, hat der Landwirt beobachtet. Erdrückungsverluste führt er auf Milchmangel zurück – wenn die Ferkel zu häufig am Gesäuge sind und die Sauen zur Schmerzvermeidung versuchen, die Ferkel loszuwerden.

Für den jungen Landwirt sind diese Zusammenhänge sehr komplex. „Steigere ich die Milchleistung und die Körperkondition der Sau gibt das nicht her, erhöht sich das Risiko für Schulterläsionen. Versuche ich, die Geburtsgewichte schon in der Trächtigkeit zu beeinflussen, bekomme ich möglicherweise Probleme beim Abferkeln und muss die Sau unterstützen“, beschreibt Daniel Ley den täglichen Spagat zwischen Leistungssteigerung und seinem erklärten Ziel von mehr Tierwohl. „Aber genau das macht den Job so spannend.“

Gesund bis in die Mast

Dass die Qualität seiner Ferkel stimmt und die Gesundheitsprophylaxe sich auszahlt, bezeugen nicht nur die von ihm belieferten Mäster. Auch bei den selbst gemästeten Tieren liegen die Verluste deutlich unter 2 Prozent und Gesundheitskosten fallen in der Mast lediglich für die Wurmkur an.

Die am Breiautomat ad libitum gefütterten Mastschweine aus Dänensau x Piétrain erreichen tägliche Zunahmen von im Schnitt 860 g. „Sicher könnte ich hier noch mehr Leistung herausholen, aber ich möchte die Tiere nicht im Grenzbereich hinsichtlich Stoffwechsel, Schwanzbeißen oder Ohrnekrosen wissen“, erklärt Daniel Ley. Er setzt seinen eigenen Schwerpunkt ohnehin lieber in der Ferkelerzeugung. (br)

Zink ab 2022 als Arzneimittel verboten

Ab 2022 tritt EU-weit ein Verbot von zinkoxidhaltigen Tierarzneimitteln in Kraft. Gleichzeitig sind nur noch maximal 150 mg Zink/kg Fertigfutter aus Zinkoxid (ZnO) und anderen zinkhaltigen Quellen zulässig. Sie sollen den Bedarf der Tiere an Zink als physiologisch notwendiges Spurenelement decken. Als Grund hierfür gibt die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) an, dass die Vorteile von Zinkoxid als Arzneimittel in einer Dosis von mindestens 2.500 mg Zink/kg Fertigfutter zur Vorbeuge von Absetzdurchfall bei Ferkeln die Umweltrisiken des Schwermetalls nicht aufwiegen.

Zink diente bislang der prophylaktischen Darmstabilisierung und zum Behandeln leichter Absetzdurchfälle. Es ersetzte im Akutfall Antibiotika, insbesondere die Wirkstoffe Neomycin und Colistin. Colistin wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Reserveantibiotikum für die Humanmedizin eingestuft und soll in der Tiermedizin nur noch in Notfällen zum Einsatz kommen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Bakterien, die über Abwehrmechanismen gegen Antibiotika verfügen, diese auch gegenüber Schwermetallen wie Zink einsetzen. So verschaffen sie sich Selektionsvorteile, die zu Resistenzen führen. Laut US-Forschern gibt es einen Zusammenhang zwischen Böden mit Schwermetallkontamination und einem erhöhten Vorkommen von Bakterien mit einer genetischen Anlage für Antibiotikaresistenzen. Die Bakterien hatten ein Gen für eine sogenannte Multidrug-Resistenz, das sie abwehrbereit gegen Antibiotika und Schwermetalle wie Zink, Kupfer, Cadmium und Arsen macht.

Nicht verstoffwechseltes Zink aus therapeutischen Gaben, die weit über der zulässigen EU-Höchstmenge für Alleinfuttermittel liegen, geraten über die Gülle in den Boden. Im Gegensatz zu Antibiotika, die abgebaut werden, verweilen die Schwermetalle dort unbeschadet und könnten so die Selektion resistenter Bakterien begünstigen, warnten die Wissenschaftler.

Steckbrief

Ödemkrankheit

Die Ödemkrankheit oder Colienterotoxämie wird von Escherichia (E.)-coli-Erregern verursacht und tritt normalerweise in den ersten drei Wochen nach dem Absetzen auf. Typische Symptome sind geschwollene Augenlieder (Lidödeme), Schwellungen am Nasenrücken und auffallend heiseres oder fast tonloses Quieken durch eine verdickte Kehlkopfschleimhaut. Zentralnervöse Störungen führen zu Schreckhaftigkeit, Ruderbewegungen in Seitenlage, steifem Gang, schief gehaltenem Kopf oder im Kreis laufen.

Tote Tiere zeigen Blauverfärbungen durch Einblutungen und in der Sektion Flüssigkeitseinlagerungen (Ödeme) im Unterhautgewebe, im Bereich der Magen- und Dünndarmwände und in den Hirnhäuten. Meist verenden die am besten entwickelten Tiere zuerst. Die Erkrankung tritt rasch und heftig (akut oder perakut) auf und kann zum Totalverlust von Absetzgruppen führen.

Anders als enterotoxische E. coli (ETEC), die Ursache für typischen Absetzdurchfall sind, zerstören die Shigatoxin-bildenden E. coli (STEC) mit ihrem hochgiftigen Shigatoxin 2e (Stx2e) die Endothelzellen kleiner Blutgefäße. Durch diese tritt Flüssigkeit in das umliegende Gewebe aus. Gleichzeitig verhindern Blutgerinnsel, dass die Organe ausreichend versorgt werden und es kommt zu Organversagen. Die Ferkel infizieren sich bereits im Abferkelstall mit dem Erreger, der sich mit seinen typischen Haftfäden, den F18-Fimbrien, an den Zellen in der Darmwand festsetzt. Absetzstress, Futterumstellung, stark proteinlastige Rationen und schlechte Trinkwasserqualität begünstigen die massenhafte Vermehrung des Erregers und führen zur Vergiftung.

Prophylaxe ist entscheidend

Ist der Erreger im Betrieb, lässt er sich nur schwer kontrollieren, da künftig die bislang wirksamen Zinkgaben, die über Dosierungen als Futtermittelzusatzstoff hinausgehen, verboten sind (siehe Kasten „Zink ab 2022 als Arzneimittel verboten“). Metapylaktische Antibiotikagaben sind gesellschaftlich und politisch unerwünscht und verbieten sich mit dem Ziel, Antibiotikaresistenzen zu entschärfen.

Ein Einsatz ist nur im akuten Notfall gerechtfertigt. Neben einer ausgefeilten Absetzstrategie inklusive optimierter Fütterung der Ferkel ist derzeit nur die aktive Immunisierung der Ferkel eine wirkungsvolle Alternative, den Erreger in den Griff zu bekommen. Der Shiga-Impfstoff führt zur Bildung von Antikörpern, die das Bakterientoxin aus dem Darm neutralisieren, bevor es die Zielzellen in den kleinen Blutgefäßen erreicht. Er kann ab dem vierten Lebenstag verabreicht werden. Eine wirksame Immunität tritt nach 21 Tagen ein und wirkt weit in die Mast hinein.

Typisch für die Ödemkrankkeit und wichtiger Hinweis auf Shigatoxin-bildende Colibakterien sind geschwollene Augenlider.

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