DORFLEBEN

Mit der Zeitkapsel in die Vergangenheit

Schon damals gab es Maggi und Nivea im Tante Emma-Laden. Typisches Zubehör ist die große Waage auf dem Verkaufstresen.

Seinen Beginn nahm das ländliche Museum, als der Rat der Gemeinde Wietzen die Einrichtung einer Heimatstube in einem leerstehenden Schulzimmer der alten Schule des Ortes veranlasste. Seit der Eröffnung dieses Heimatstubenraumes sind mittlerweile 37 Jahre vergangen und das Museum mit drei Gebäuden und einem Außengelände ist im Laufe der Zeit zu einer großen umfangreichen Heimatstube herangewachsen. Die Leitung der Heimatstube hat die gebürtige Wietzenerin Rosemarie Imsande seit 2015 inne. „Als mich mein Vorgänger, unser ehemaliger Bürgermeister Friedrich Timke, damals fragte, ob ich dieses Amt von ihm übernehmen würde, habe ich erstmal schlucken müssen. Es ist ja schon eine große Aufgabe. Aber eigentlich war mir schnell klar, dass ich das machen wollte“, sagt die gelernte Bauzeichnerin. „So ein Amt muss jemand innehaben, der auch dafür Zeit hat. Es nutzt nichts, wenn man nur mit halben Herzen dabei ist. Ich habe Zeit und noch dazu viele freiwillige Helferinnen und Helfer an meiner Seite.“

Die Handdruckspritze der Feuerwehr aus dem Jahr 1894 ist ein besonderer Hingucker und echtes Prachtstück.

Das Küchenleben

In den Ausstellungsräumen im alten Wietzener Schulgebäude gibt es viel zu sehen. Hier hat sich die „Gute Stube“ schick herausgeputzt. Der Kaffeetisch ist mit Sammelgeschirr gedeckt und das samtene Sofakissen wurde einladend drapiert. Ganz so, als stünde das Eintreffen von Kaffeegästen kurz bevor. Geduldig hängt die Meerschaumpfeife an ihrem Haken und wartet auf Benutzung. Silberbesteck schimmert hinter den Rundbogenfenstern des Wohnzimmerschrankes hervor und über allem wacht die, in einer Ecke des Raumes thronende, zimmerhohe Standuhr.

Nebenan in „Omas Küche“ hat die hölzerne Kaffeemühle ihren Platz auf dem Wandregal wieder eingenommen. Sie hat ihren Dienst bereits verrichtet und alle Kaffeebohnen zu Schrot gemahlen. Nun ist der Wasserkessel an der Reihe. Schon steht er auf dem Kohleofen und auch die Hauben für die Kaffeekannen liegen bereit.

Einmal dem Knopfakkordeon Töne entlocken: Rosemarie Imsande ist Leiterin der Heimatstube seit 2015.

Nur einige Schritte weiter befindet sich ein kleiner Schulraum mit hölzernen Schulbänken, Griffelkasten, Schiefertafel und, allem was dazugehört. Genaue Verhaltensregeln für die Schülerschaft sind groß und deutlich an die Tafel geschrieben. Wohl dem, der den Versuch wagt, die alte deutsche Schrift, auch Sütterlinschrift genannt, zu entziffern.

Gemeinsam spinnen

Wer sich bereits in der „Guten Stube“ für die Stickereien der Wohnzimmertischdecke und die Häkelornamente des Sofakissens begeistern konnte, wird im Handarbeitsraum vollkommen „aus dem Häuschen“ sein. Denn hier dreht sich alles um Handarbeitsgeschick, wie das Spinnen, Sticken, Klöppeln und Weben. Mittig im Raum steht ein großer Webstuhl. „Drei unserer ehrenamtlichen Frauen können damit umgehen und eine Spinngruppe haben wir auch. Normalerweise treffen wir uns einmal im Monat. Aber durch die Pandemie war das natürlich viel seltener. Jetzt hoffen wir, dass wir bald wieder loslegen können“, sagt Rosemarie Imsande, die selbst das Spinnen in einem Spinnkurs in der Heimatstube erlernte. Wo gehandarbeitet wird, ist das Plätten und Mangeln nicht weit. Seltene Exemplare, wie der Glätteknochen ziehen besonderes Augenmerk auf sich. Doch zuvor heißt es, sich über den Werdegang der Flachspflanze zu informieren. Denn bei all den verschiedenen ausgestellten Handarbeiten fragt man sich wohl, wie zu damaligen Zeiten aus den Stängeln dieser Pflanze spinnfähige Fasern gewonnen wurden und welches Arbeitsmaterial dazu erforderlich war.

Das tägliche Leben in früherer Zeit war anstrengend. Alle Arbeiten mussten von Hand verrichtet werden. So war es wichtig auch einmal auszuruhen. Daher ist im Obergeschoss der Heimatstube das Schlafzimmer zu finden. Gleich nebenan, das Kinderzimmer mit Puppenstuben und Kaufmannsladen.

Keine Fast-Fashion: Der alte Webstuhl zeigt, wie die Frauen früher aus Flachsfasern tolle Stoffe hergestellt haben.

Allerhand „Bodenschätze“, die Sondengänger von den Ackerflächen der Wietzener Umgebung im vergangenen Jahr zutage beförderten, gibt es zu bestaunen. Unmengen von Knöpfen, Münzen vergangener Jahrhunderte, Musketenkugeln, Bleiplomben von Saatgutsäcken, ein Koppelschloss des 2. Infanterieregiments Calenberg aus der Zeit 1858 - 1866 sowie Kuriositäten in einer hölzernen Schatzkiste wollen gesehen werden. Ebenso wartet die aktuelle Sonderausstellung der Geschichtswerkstatt zu den ehemaligen Gaststätten des Ortes auf Interessierte. „Wir hatten acht Gaststätten im Ort. Die letzte der acht Gaststätten, die hier zugemacht hat, das war die von Friedrich Horstmann“, sagt die Leiterin und zeigt schmunzelnd auf einen ausgestellten Bericht, auf dem die Gaststätte mit dem Türschild „Der gnadderige Fritz“ zu sehen ist. „Da haben sich einige Stammgäste vom Fritz, in dessen Abwesenheit einen Spaß erlaubt. Aber er hat ihnen das nicht übel genommen.“

Rosemarie Imsande schätzt insbesondere die wechselnden Ausstellungen des Museums. „Damit unsere Besucher wiederkommen, muss immer mal etwas Neues her. Aber wir haben hier viele Sachen, die das Ausstellen wert sind“, erklärt sie. An Ideen mangelt es also nicht.

Jauchewagen für Garten

In Böckmanns Scheune geht es weiter mit dem Arbeitsleben. Hier finden sich landwirtschaftliche Bestellungs- und Erntemaschinen aus dem Pferdezeitalter. Angefangen mit Schwing-, Kipp- und Wendepflug bis zu Dibbelmaschinen, Düngerstreuer oder Ackerwalze und viele weitere von Pferden gezogenen Maschinen. Ein besonderer Hingucker ist ein kleiner Jauchewagen für den Gartengebrauch, der auch von einem Hund gezogen werdenkonnte, die Handdruckspritze der Feuerwehr aus dem Jahr 1894 und ein 100 Jahre alter historischer Jagdwagen, der einst in Wietzen gefertigt wurde.

Damit wären wir auch schon beim nächsten Thema, dem sich die Heimatstube angenommen hat. Das Handwerk! Dieses befindet sich im Obergeschoss der Scheune. Hier treffen alle lebensnotwendigen Handwerkstechniken aufeinander. Schuster, Sattler, Tischler, Maler, Bäcker oder Friseur sind einige von ihnen. Ein Rundgang lohnt und die Erkenntnis, nicht auf ebendiesem Zahnarztstuhl sitzen zu müssen, beruhigt ungemein. Ein Besuch des Tante Emma Ladens und den Ausstellungsstücken zum Thema „Milchwirtschaft“ mit Butterfass und Melkrad wecken sicherlich bei so mancher Besucherin oder manchem Besucher Erinnerungen. „Wir sind ein Museum zum Anfassen. Wer mag, darf gerne die Milchkannen an das Fahrrad hängen“, so Leiterin Imsande. Ein wachsamer Blick ist gefragt beim Ausfindigmachen des Verstecks mit selbstgebrannten Rübenschnaps.

Böckmanns Scheune zeigt Einblicke in das landwirtschaftliche Arbeitsleben. Sie ist gefüllt mit verschiedensten Geräten.

Zu guter Letzt noch ein besonderes Schmankerl: „Auf Wunsch können Paare auch in anderen Räumen der Heimatstube ehelichen oder im Schatten der Kastanie im Innenhof. Wir machen alles, was möglich ist“, sagt Rosemarie Imsande und erinnert sich an eine kürzlich stattgefundene Eheschließung, bei der sich das Paar zwischen den landwirtschaftlichen Gerätschaften das Jawort gab. Für Hochzeitsfotos bieten der Innenhof oder der Bauerngarten gute Motive.

Historische Landtechnik

Als drittes Gebäude ist der ehemalige Güterschuppen des Wietzener Bahnhofs auf das Museumsgelände versetzt worden. Hierin finden größere Maschinen der Landtechnik, wie Dreschmaschinen, Mähbinder oder Spitzdrescher ihren Platz.

Möglich wurde dieses umfangreiche Museumsangebot durch das ehrenamtliche Engagement vieler Dorfbewohner, den Förderverein der Heimatstube sowie durch die Gemeinde Wietzen, welche die Liegenschaften des Museums stellt und die finanziellen Mittel zur Unterhaltung der Gebäude trägt.

An der Decke der Spruch: „Mit der Landwirtschaft leben unsere Dörfer“. So wahr - bis heute.

So vielfältig die Heimatstube ist, so vielfältig sind auch die Besuchergruppen, die dem Museum einen Besuch abstatten. So informierten sich bereits Schulklassen zum Thema „Flachs“ und Garten-Arbeitsgemeinschaften der Grundschule Wietzen säten Gemüse im Bauerngarten ein. Auch Mitglieder von Landfrauen- und Heimatvereinen entdeckten die Heimatstube schon für sich und saßen an einer Kaffeetafel mit Butter- und Streuselkuchen oder Torte gesellig zusammen. Für die Kaffeezeit nach Voranmeldung ist in Böckmanns Scheune ein Gastraum eingerichtet oder die Kaffeetafel wird bei gutem Wetter im Innenhof hergerichtet. Hier zieht die große Kastanie die Blicke auf sich. Unweit warten der Bauerngarten und die Obstbaumwiese auf Besucher. „Die Äpfel werden entsaftet und geben frischen Saft für die Kindergartenkinder von nebenan“, sagt die Leiterin der Heimatstube und hofft, dass die diesjährigen Veranstaltungen der Heimatstube stattfinden können. Zum internationalen Museumstag am 15. Mai öffnet das ländliche Museum von 14 - 18 Uhr. Ein Imker wird seine Arbeit präsentieren und der Webstuhl wird in Betrieb sein. Außerhalb der festen Jahrestermine öffnet das Museum für Besuchergruppen ab 10 Personen nach Voranmeldung.

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