FAMILIE

Mediation: Raus aus dem Familienzwist

Familienkonflikte sind keinen Seltenheit auf einem Betrieb. Doch es gibt Hilfen, wie man sich besser verstehen lernt.

Familie Müller bewirtschaftet einen Milchvieh- und Ackerbaubetrieb. Vater Werner hat den Betrieb vor 5 Jahren an seinen Sohn Bernd übergeben. Auf dem Betrieb arbeiten beide Männer, deren Ehefrauen, zwei Auszubildende und ein Herdenmanager. Damit das Miteinander der Senioren und der jungen Familie möglichst gut ist und bleiben kann, haben sie 800 m vom Betrieb entfernt im Ort ein Haus für die Altenteiler gebaut. Und dennoch knirscht es zusehends mehr im Miteinander. Vater Werner fühlt sich nicht gut informiert und wird aus seiner Sicht in Entscheidungsprozesse nicht genügend eingebunden, Sohn Bernd ist genervt vom vielen Fragen und Hinterfragen seines Vaters, er empfindet Misstrauen. Die Mitarbeiter wissen oft nicht, wer wann was zu sagen hat und die Ehefrauen stehen zwischen den Stühlen und versuchen die teilweise schlechte Laune ihrer Männer aufzubessern bzw. auszugleichen.

Das Stimmungsbarometer in dem ganzen Gefüge hat stark fallende Tendenz und kleinste Kleinigkeiten werden mitunter zu echten Herausforderungen.

Die Frau von Bernd, Susanne hat die Idee, sich Hilfe von außen zu holen und ihreRecherche hat ergeben, dass eine Mediation wohl das Richtige ist.

Was ist eine Mediation?

Mediation kommt aus dem lateinischen und heißt übersetzt Vermittlung. Es handelt sich dabei um ein strukturiertes, freiwilliges Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes. Ein Mediator, der entsprechend ausgebildet, unabhängig und allparteilich ist, begleitet den Lösungsprozess. Die Konfliktparteien, auch Medianten genannt, versuchen dabei zu einer gemeinsamen Vereinbarung zu gelangen, die ihrer Situation, ihren Bedürfnissen und ihren Interessen entspricht. Sie sind verantwortlich für den Inhalt der Mediation, der Mediator ist für den Ablauf, den Prozess verantwortlich.

Grundideen und Voraussetzungen sind die Eigenverantwortung und Freiwilligkeit der Medianten, sowie die Verschwiegenheit und Allparteilichkeit des Mediators.

Solch ein Prozess ist nur möglich, wenn er ergebnisoffen ist.

Ablauf bzw. Struktur

Ein Mediationsprozess hat eine vorgegebene Struktur, die je nach Modell in vier oder fünf Phasen aufgeteilt wird:

1. Auftragsklärung:

2. Themensammlung

3. Positionen/Sichtweisen/ Klärung

4. Sammeln von Lösungsoptionen und bewerten

5. Abschlussvereinbarung

Bei der Auftragsklärung werden der Ablauf der Mediation, die Gesprächsregeln, die Rolle und Haltung des Mediators sowie eine Mediationsvereinbarung besprochen.

In der nächsten Phase geht es zunächst nur darum, dass alle Beteiligten ihre Themen nennen, damit die Konfliktfelder für alle transparent sind und strukturiert werden können.

In der nun folgenden dritten Phase geht es an die eigentliche Problembearbeitung. Zunächst wird entschieden, welches Thema als erstes bearbeitet wird. Danach haben alle Teilnehmer der Runde Zeit und Gelegenheit ihre Sicht zu dem jeweiligen Aspekt umfassend zu schildern. Informationen, Daten und Wahrnehmungen werden ausgetauscht, um dann die dahinterliegenden Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der Einzelnen herauszuarbeiten. In dieser Phase ist es wichtig von den Positionen der Beteiligten zu den dahinterliegenden Interessen zu gelangen. Dabei spielen Emotionen und Erfahrungen genauso eine Rolle wie unterschiedliche Maßstäbe und Ziele. In dieser dritten Phase geht es noch gar nicht um Lösungsfindung, sondern um die gründliche Erarbeitung der Ursachen. Dieser Schritt erscheint zwischenzeitlich als mühevoll und wenig zielführend, ist aber zwingend notwendig.

Die vierte Phase, die klar abgetrennt von der vorherigen Phase stattfindet dient im ersten Schritt der Lösungsfindung. Dabei ist es zunächst wichtig, dass im Wege des Brainstormings (lose Gedankensammlung) alle Lösungsoptionen bewertungsfrei gesammelt werden. Nach Abschluss dieser Ideenfindung werden die einzelnen Möglichkeiten von den Medianten bewertet. Dabei ist es wichtig, dass kein voreiliges Beschließen von Lösungen stattfindet. Das Abwägen der einzelnen Lösungen im Hinblick auf die in Phase drei erarbeiteten Interessen und Bedürfnisse ist wichtig. Nur wenn sie im Einklang stehen und die Umsetzung realisierbar ist, können neue Wege eingeschlagen und durchgehalten werden. Dabei müssen alle Beteiligten den Lösungen zustimmen oder manchmal sie auch nur akzeptieren können.

Im letzten Schritt werden die Ergebnisse meisten schriftlich und detailliert festgehalten und die Medianten unterzeichnen die gemeinsame Vereinbarung.

Praktische Umsetzung

Mediationen werden in der Regel an neutralen Orten, an denen man ungestört ist, durchgeführt. Wenn es mehr als drei oder vier Medianten sind, dann ist es oft sehr sinnvoll und hilfreich, dass die Mediation von zwei Mediatoren durchgeführt wird. So ist es leichter möglich, alle Mediaten mit ihren Bedürfnissen und Redeanteilen gut im Blick zu behalten. Die Anzahl der notwendigen Termine hängt sehr von der Komplexität des Themas ab. Es gibt Prozesse, die mit einem Termin bearbeitet werden können und genauso können mitunter fünf oder mehr Termine notwendig sein.

Für Familie Müller war es ein Prozess, in dem sie sich von einer Mediatorin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen hat begleiten lassen. Es waren vier Termine über den Zeitraum eines halben Jahres verteilt mit zwei Mediatoren. Dabei gab es so manchen AHA-Effekt, weil im Laufe des Prozesses deutlich wurde, dass die Positionen, die die Einzelnen vertreten haben, im Hintergrund Wünsche und Bedürfnisse hatten, die so nicht erwartet wurden – weder von den anderen noch von der jeweiligen Person. Die Bereitschaft der Einzelnen auf den anderen zuzugehen ist durch das Offenlegen der eigentlichen Bedürfnisse gewachsen. Auf dieser Grundlage konnten dann Lösungen erarbeitet und umgesetzt werden, die vor der Mediation für Einzelne nicht denkbar gewesen wären. Für die Familie war auch der längere Zeitraum des Prozesses gut, da Gehörtes und Gesagtes „sacken“ und verarbeitet werden konnte.

Kostenübernahme

Die Sozialversicherung der Landwirte hat erkannt, dass der Druck, dem viele Betriebsleiter und deren Familien ausgesetzt sind, sehr groß ist und die Gesundheit beeinträchtigt. Zu den besonderen Belastungen gehören auch Konflikte, Überlastungen und ungeklärte Situationen auf den Betrieben.

Vor dem Hintergrund der Prävention soll mit Hilfe von Mediation versucht werden, Wege, Hilfen und Lösungen für Einzelpersonen und Familien zu erarbeiten. Die Kosten dafür übernimmt unter bestimmten Voraussetzungen die SVLFG. Im Rahmen einer Kooperation zwischen der SVLFG und der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist diese geförderte Beratung möglich. Ansprechpartner dafür sind die Sozioökonomischer Berater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

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