HAUS & HOF

Landwirtinnen aus Leidenschaft

Zu Rieke Töllners Lieblings beschäftigungen gehört das Melken.

Außerhalb vom Ortskern von Elsfleth bewirtschaftet Familie Töllner seit den 1970er Jahren einen Aussiedlerhof – im Ortsteil Neuenbrok. Hier wuchs Rieke Töllner zusammen mit zwei älteren Schwestern auf. Wie es in Landwirtsfamilien üblich ist, liefen die Mädchen von klein auf mit den Eltern auf dem Hof. „Aber als ich 2014 mein Abitur machte, habe ich, genau wie vorher schon meine Schwestern, überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich in die Landwirtschaft einsteigen könnte“, erzählt die 25-Jährige. So begann sie im nahe gelegenen Brake eine Ausbildung zur Tourismus-Kauffrau und zog zu Hause aus. „Die Ausbildung machte mir großen Spaß, aber in meiner kleinen Wohnung wurde mir erst so richtig bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, auf einem Hof zu leben – ich sehnte mich zurück.“

Endlich angekommen

Ortswechsel: Im Außenbereich von Jemgum im Landkreis Leer lebt die Tierheilpraktikerin und Agraringenieurin Christiane Gromöller in einem Altenteilerhaus, das sie im vorigen Jahr von einer Landwirtsfamilie gemietet hat, die in Sichtweite den Hof bewirtschaftet. „Wenn die Kühe vor meinem Fenster weiden, wird mir warm ums Herz“, sagt sie. Hier ist Christiane Gromöller endlich angekommen, könnte man sagen, nachdem sie ihre turbulente Lebensgeschichte erzählt hat.

Aufgewachsen ist die 54-Jährige mitten in Düsseldorf. Spazieren ging man am Rhein. „Aber schon als Sechsjährige wurde mir im Urlaub mit meinen Eltern auf einem Bauernhof klar: Mein Herz schlägt für die Landwirtschaft.“ Einen Großteil ihrer Ferien verbrachte sie bis zur Oberstufe auf Bauernhöfen, lernte Treckerfahren und Melken.

Doch leider entwickelte sie starken Heuschnupfen und Allergien – „das bedeutete das „Aus“ für meinen Berufswunsch“, erzählt Christiane Gromöller. Also machte sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.“ Mit ihrem Mann zog sie ins Münsterland und bekam zwei Kinder. „Mir juckte die Arbeit mit Tieren und die Naturheilkunde in den Fingern.“ Also machte sie eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. Das neu erworbene Wissen nutzte sie auch, um die eigenen Allergien zu heilen.

Nachdem die Ehe zerbrochen war, zog sie auf einen landwirtschaftlichen Betrieb, auf dem sie die Sauen betreute, dann auch die Kälber. Dann auch das Melken und dann übernahm sie das gesamte Herdenmanagement. Zwei Kinder und die Arbeit bis zum Anschlag auf dem Hof ließen sie unmerklich in einen Burnout rutschen. Schweren Herzens verließ Christiane Gromöller mit den Kindern den Hof. Sie zog in ein Dorf, arbeitete nun in der Pflege in einem Altenheim und zog mit den Kindern auf einen Resthof. Da war Platz für Tiere: Ein Pferd hatte sie bereits, nun kaufte sie eine Mutterkuh. „Jette – sie hat mir 13 Jahre lang große Freude gemacht.“ Hinzu kamen eine Herde Coburger Füchse, Hühner, Masthähnchen und später zusätzlich noch Mastschweine.

Der Entschluss steht

Zurück nach Elsfleth: Rieke Töllner bestand die Ausbildung zur Tourismus-Kauffrau mit Bravour. Ihr Chef im Reisebüro freute sich über die gute Mitarbeiterin. Aber dann musste er die Nachricht schlucken: Rieke hatte sich entschlossen, doch noch in die Landwirtschaft einzusteigen. Sie kündigte, um die Ausbildung zu machen. „Ich hatte aber die Option, wieder zurückzugehen, wenn es doch nichts gewesen wäre.“ Der Chef konnte es kaum fassen, und auch im Kollegen- und Freundeskreis erntete Rieke so manches Kopfschütteln. „Ich habe dann aber während der Ausbildung oft am Wochenende in dem Reisebüro gearbeitet“, erzählt sie.

Vater Jörg und Opa Jürgen nicken und lachen. Drei Generationen sitzen heute zusammen am Tisch bei einer Tasse Kaffee. Vater und Tochter teilen sich die Arbeit auf dem Milchviehbetrieb mit einem Melker und einer Vollzeitkraftt. 180 Kühe werden gemolken und 160 Hektar Flächen werden bewirtschaftet, von denen rund 130 Hektar Grünland sind. „Wir haben als Aussiedlerhof den Vorteil, dass wir genügend arrondierte Flächen haben, auf denen unsere Kühe weiden können“, berichtet Jörg Töllner und Tochter Rieke ergänzt: „Der Weideaustrieb im Frühjahr ist jedes Jahr ein Highlight!“ Opa Jürgen ist mit seiner Frau mittlerweile ins nahe gelegene Dorf Neuenbrok gezogen. Er kommt aber regelmäßig mit dem Fahrrad auf einen Klönschnack vorbei. Jürgen Töllner schreibt seit vielen Jahren regelmäßig plattdeutsche Döntjes für die LAND & FORST (lesen Sie in dieser Aufgabe auf Seite 72 „De Knockenbreker“). Früher dachte er sich die Gedichte und Geschichten beim Melken aus.

Enkelin Rieke konnte die Ausbildung verkürzen und stieg für den schulischen Teil somit ins 2. Schuljahr ein. Die Mitschüler waren schon im Berufsgrundbildungsjahr zusammen gewesen. „Zuerst war es etwas seltsam, sie sprachen von Dingen, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich kam aber schnell rein und es machte mir von Tag zu Tag mehr Spaß. Wir lernten wichtiges Hintergrundwissen zum Pflanzenbau und zur Tierhaltung. Landwirtschaft ist absolut anspruchsvoll, es ist unheimlich wichtig, sich immer weiter zu entwickeln, mir kommt jetzt zusätzlich zugute, dass ich bereits eine kaufmännische Ausbildung habe“, sagt sie mit Nachdruck. Sie freut sich, dass in ihrem Freundeskreis inzwischen zwei weitere Frauen Landwirtinnen geworden sind.

Ein Blick von oben auf den Aussiedlerhof von Familie Töllner im Elsflether Ortsteil Neuenbrok.

Auf Milchviehbetrieben

Die Ausbildungsbetriebe von Rieke Töllner waren ebenfalls Familienbetriebe mit Milchvieh in Ovelgönne (Wesermarsch) und in Spohle im Ammerland. Die 25-Jährige sagt: „Ich liebe es zu melken, dabei kann ich richtig gut abschalten, das ist schon fast wie meditieren.“ Zurzeit besucht sie die Meisterschule in Oldenburg – da ist es gut, dass die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt ist. Wenn möglich machen Vater und Tochter das Melken und die Stallarbeit Hand in Hand. An den Wochenenden wechselt man sich ab, sodass es immer auch freie Wochenenden gibt.

Neuer Lebensabschnitt

Noch mal nach Jemgum: 2006 heiratete Christiane Gromöller einen Landwirt, der einen Milchviehhof hatte. Dort übernahm sie das Herdenmanagement. „Ich übernahm komplett das Melken der 70 Kühe und die Klauenpflege. Zudem stellte ich viel um mit den Kühen, wandte Naturheilkunde an und machte Fortbildungen bei der Landwirtschaftskammer. So konnte ich nach und nach die Milchleistung und die Tiergesundheit steigern.“

Mittlerweile gab sie selbst Kurse für Naturheilverfahren bei der LWK Niedersachsen. „Zudem hatten wir einen großen Garten. Irgendwann war ich wieder völlig überlastet, in der Beziehung kriselte es, 2016 kam es zur Trennung“, und ich stand vor der Frage: Mache ich jetzt noch eine landwirtschaftliche Ausbildung? Ich hatte zwar alles gelernt, aber eben keinen Abschluss, mit dem ich mich hätte bewerben können.“

Christiane Gromöller hatte 13 Jahre lang Freude an ihrer Mutterkuh Jette, die viele Kälber bekommen hat.

Die Kinder – inzwischen selbstständig – hatten die zündende Idee: „Mama, wir machen eine Studenten-WG, Du studierst Landwirtschaft.“ Sie zögerte, denn wovon sollte sie leben. Doch da kam – schon fast filmreich – wie vom Himmel geschickt, eine Erbtante aus Südamerika ins Spiel. Sie finanzierte das Studium in Soest.

Jetzt begann zwar eine der schönsten Phasen in ihrem Leben: „Zunächst war ich unter all den Kommilitonen ‚die Mutti‘. Doch wir bekamen schnell guten Kontakt, und ab da lief es sehr entspannt. Da ich über sehr breites Praxiswissen verfügte, habe ich die Seminare und Arbeiten regelrecht genossen – und meine Studienfreunde hatten schnell raus, dass sie von mir profitieren konnten.

Diagnose Brustkrebs

Zugleich war die Studienzeit eine der anstrengendsten Phasen in ihrem Leben. Denn es gab eine Reihe von gesundheitlichen Problemen. „Ausgerechnet als die Prüfungen anstanden, wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert.“ Komischerweise hatte ich schon so eine Ahnung gehabt, es traf mich also nicht, wie der ‚berühmte Hammer‘. Ich überlegte, wie ich die Therapie und das Studium in der Abschlussphase am besten miteinander verbinde. Alle Termine mussten exakt aufeinander abgestimmt sein.“ Christiane Gromöller pendelte nun nicht nur zwischen ihrem Wohnort Ahlen und Soest hin und her, sondern musste auch die Behandlungstermine in Münster absolvieren: OPs, Bestrahlung, Klausuren und Prüfungen – alles miteinander zu kombinieren, glich einem Drahtseilakt. Irgendwie gelang es ihr auch noch, den Sauenbesamungsschein und die Ausbildereignungsprüfung dazwischen zu schieben. Am Ende bestand sie das Examen mit Auszeichnung und der Krebs wurde geheilt, wie sich in weiteren Nachuntersuchungen bestätigten.

Doch all der Stress forderte seinen Tribut. Nach dem Bachelor-Abschluss zog die frisch gebackene Agraringenieurin 2018 zu einem neuen Partner ins Saterland. Doch anstatt, wie geplant, ihre Praxis für Tier-Naturheilkunde zu eröffnen, fühlte sie sich von Tag zu Tag kranker. „Irgendwann war ich bewegungsunfähig – es stellte sich heraus, dass ich eine rheumatische Arthritis entwickelt hatte. Mit einer Ernährungsumstellung, Kräutertherapien und Blutegeln an den Knien gelang es mir jedoch, wieder gesund zu werden. Sie konnte die Praxis 2019 endlich eröffnen.

Doch auch die neue Beziehung sollte nicht von Dauer sein. Im vorigen Sommer zog Christiane Gromöller nach Jemgum. „Von hier aus fahre ich kreuz und quer durch Ostfriesland, wo die meisten meiner Kunden wohnen.“ Bereits seit Jahren hält sie Vorträge für das „Netzwerk Fokus Tierwohl“ der LWK Niedersachsen. Außerdem unterrichtet sie an der Tierheilpraktiker-Schule und ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Tierheilpraktiker und –physiotherapeuten, wo sie auch Prüfungen abnimmt. Über dieses Amt ist sie auch an der Neufassung des Tierarzneimittelgesetz beteiligt. „Jetzt fühlt sich alle ‚rund“ an“, sagt sie zufrieden, „und hier in Jemgum fühle ich mich endlich richtig zu Hause.“

Christiane Gromöller unterrichtet Tierheilpraktiker – sie sagt: „Die Praxis im Stall ist eine der schönsten Seiten meines Berufsalltags.“

Auch mal Schafe hüten

Ein letztes Mal zu Rieke Töllner: „Es ist mir sehr wichtig, dass der Hof in Familienhand bleibt, und deshalb wird Rieke den Betrieb in einigen Jahren vom Vater übernehmen. Auch ihr Freund steht voll dahinter. Er arbeitet zwar außerhalb der Landwirtschaft, aber er besitzt eine Schafherde an seinem Heimatort. Zurzeit holt er die Schafe, die vorm Lammen stehen, nach Elsfleth. „Es ist eine Freude, mit den frisch geborenen Lämmer zu arbeiten,“ schwärmt sie.

„Ich denke, dass ich irgendwann zusätzlich ‚Ferien auf dem Bauernhof‘ anbieten werde, das lässt sich sicherlich gut mit einer Familie vereinbaren.“ Fest steht, dass sie selbst junge Landwirte ausbilden wird. „Ich kann mir gut vorstellen, wie ich später mal meine Kinder mit in den Melkstand nehme und sie dann hoffentlich glücklich um mich herumhüpfen“, sagt sie beim Abschied – die Kühe warten schon....

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