Logo agrarheute digitalmagazin

Artikel wird geladen

So gehen 5 Praktiker effektiv gegen Besaugen vor

Mittels Heu- und Grasspender erhalten die Tiere Zugang zu Beschäftigungsmaterial ab dem ersten Lebenstag. Das soll gegenseitiges Besaugen vermindern.

Auf den Punkt

  • Ein bundesweites Projekt hatte zum Ziel, das gegenseitige Besaugen von Kälbern zu minimieren.
  • Dazu wurden in fünf Biobetrieben unterschiedliche Maßnahmen gefördert und umgesetzt.
  • Dabei senkten die Maßnahmen in allen Projektbetrieben das gegenseitige Besaugen.

Ein entspanntes Schmatzen ist im Kälberstall von Leonhard Haslberger zu hören. Die gut gewachsenen Kälber stehen an der Gruppentränke zusammen. „Das Sozialverhalten der Kälber hat sich mit dem Einsatz der Gruppentränke total verändert. Die Kälber sind viel entspannter“, beobachtet Haslberger. Der Landwirt und seine Frau setzen angesäuerte Vollmilch ein. Je Tier kalkulieren sie mit 6 bis 8 l pro Mahlzeit. Die Gruppentränke fördert das natürliche Verhalten der Kälber, da sie sich während der Tränkezeiten aneinander anlehnen können, so wie sie es auch beim Saugen bei der Mutter machen. Die Gruppentränke wird ab der zweiten Lebenswoche eingesetzt und ermöglicht soziales Lernen. So motivieren die vitaleren Kälber die weniger starken zum Saufen. Statt angesäuerter Vollmilch könnte Haslberger auch Molke vertränken, um die Tiere zu beschäftigen.

Der Betrieb Haslberger war gemeinsam mit anderen Landwirten Teil des bundesweiten Modell- und Demonstrationsvorhabens (MuD) Tierschutz (siehe auch Kasten „Zum Projekt“), das sich zum Ziel gesetzt hat, gegenseitiges Besaugen bei Kälbern zu minimieren. Aus bisherigen Versuchen weiß man, dass es keine Generallösung für das Problem gibt. Es tritt meist auf, wenn das angeborene Saugverhalten nicht vollständig ausgeführt werden kann. Daneben gibt es aber weitere Faktoren, die Besaugen fördern. Dazu gehören Stress, Langeweile, Platzmangel, Mineralstoffdefizite und Energiemangel durch eine zu geringe Gabe an Vollmilch oder Milchaustauscher.

Zum Projekt

Die vorgestellten Betriebe waren Teil des Netzwerks des MuD Tierschutz „Optimierung der Gruppenhaltung von Kälbern in Hinblick auf Vermeidung und Reduktion des gegenseitigen Besaugens“, dass von 2016 bis 2019 aktiv war. Die Betriebe des Netzwerks sind allesamt Ökobetriebe und über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Sie wurden von Beratern des Tierschutz-Kompetenzzentrums unterstützt. Ziel des Netzwerks war es, das gegenseitige Besaugen von Kälbern zu minimieren und das Tierwohl in den Betrieben nachhaltig zu verbessern. Das Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz wurde initiiert und gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die Umsetzung erfolgte durch den Projektträger Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Ziel der MuD Tierschutz ist der Transfer von der Forschung in die Praxis.


Betrieb Haslberger: Kälber-TMR für Saugkälber

Leonhard und Johanna Haslberger setzen Sauertränke ad libitum ein.

Der Betrieb Haslberger im bayerischen Kirchdorf hält 72 Milchkühe. Die Kälber werden zum Teil in Ammenkuhhaltung aufgezogen und teilweise in der Kälbergruppe. Neben dem gegenseitigen Besaugen gab es auch Probleme mit Durchfällen. Um beides zu verbessern, baute Haslberger, gefördert durch das Projekt, eine Scheune zum Kälberstall um.

Um die Kälbergesundheit zu verbessern, setzt Haslberger neben vertränkter Vollmilch auch eine zugekaufte Kälber-TMR ein. Sie dient dazu, die Nähr- und Mineralstoffversorgung sicherzustellen und beschäftigt die Kälber zusätzlich. Durch die Kälber- TMR nehmen die Tiere ausreichend Energie auf. Außerdem verhindert er damit, dass es im Zeitraum des Absetzens zu Azidosen kommt, weil die Tiere zu große Mengen an unbeständiger Stärke aufnehmen. „Schon die kleinsten Kälber nehmen die TMR sehr gut an“, erläutert der Milchviehhalter. Außerdem bietet der Landwirt den Kälbern Zugang zu frischem Wasser ab dem ersten Lebenstag. Bei den Kälbergruppen zeigt sich, dass Trogtränken besser angenommen werden als Zungentränken. „Bei der Installation muss man jedoch vermeiden, dass die Sonne direkt in den Trog scheinen kann, da sich sonst Algen bilden können“, rät Haslberger.


Betrieb Kinkelbur: Verbesserung des Managements

Friedrich Kinkelbur setzt je nach Alter unterschiedliche Tränkenuckel ein.

Friedrich Kinkelbur bewirtschaftet einen Betrieb mit 117 Milchkühen. Der Milchviehhalter aus Minden in Nordrhein-Westfalen zieht die Kälber erst zwei Wochen in Doppelboxen und anschließend in konstanten Gruppen auf.

Kinkelbur ersetzte mithilfe des Projekts zuerst seine alten Kälberhütten durch Doppelboxen mit einer herausnehmbaren Mittelwand. Außerdem sanierte er das Altgebäude, in dem die Tiere untergebracht sind. Um sicherzustellen, dass er hochwertiges Kolos- trum vertränkt, misst Kinkelbur mit einem Refraktometer die Menge an Immunglobulinen in der Milch. Das funktioniere sehr gut, meint der Landwirt. Außerdem hat Kinkelbur „MilchBags“ angeschafft, um hochwertiges Kolostrum einfrieren zu können. Während der weiteren Tränkephase füttert er ad libitum. Die Tiere erhalten zweimal täglich eine neue Eimertränke mit angesäuerter Vollmilch. Tränkemengen und tatsächlich aufgenommene Milchmengen vermerkt der Landwirt auf Schildern oberhalb der Boxen. „Auf diese Weise können wir schnell auf den gesundheitlichen Zustand der Kälber rückschließen“, erklärt Kinkelbur. Außerdem liegt ihm die Hygiene der Eimertränken sehr am Herzen. Durch den Einsatz von durchsichtigen Eimern lassen sich Milchreste von außen besser erkennen und reinigen.

Der Betrieb setzt verschiedene Nuckel mit unterschiedlichem Saugwiderstand ein. Kälber jeden Alters können so ihr Saugbedürfnis optimal stillen. Die Nuckel haben verschiedene Lochdurchmesser und sind in weich, mittel und hart eingeteilt. Das soll die Speichelproduktion anregen und das Saugbedürfnis intensiver befriedigen. Außerdem verlangsamt es die Milchaufnahme. Das soll Pansentrinken verhindern. Dazu regt es die Produktion von Verdauungsenzymen im Labmagen an und mindert fütterungsbedingte Durchfälle bei guter Milchqualität.

Optimiert hat der Landwirt auch die Heugabe. Das Heu nutzen Kälber ab dem ersten Lebenstag gern zur Beschäftigung und gleichzeitig erhöht es die Rohfaseraufnahme. Kinkelbur hat in den Doppelboxen zusätzliche Raufen installiert. Statt das Heu nur herauszuschieben müssen die Kälber es richtig herausziehen. Auf diese Weise gehe weniger Heu verloren, ist der Landwirt überzeugt.


Betrieb Metzger-Petersen: Exakter Tränkeplan

Jasper Metzger-Petersen füttert mit dem Automaten nach Tränkekurve.

Jasper Metzger-Petersens Betrieb mit rund 450 Milchkühen befindet sich im schleswig-holsteinischen Oster-Ohrstedt. Hier werden die Kälber erst in Doppel-Iglus und anschließend in der Gruppe aufgezogen. Da hier das gegenseitige Besaugen schon bei den kleinsten Kälbern auftrat, entschied sich der Landwirt einen Tränke- und Fütterungsautomat zu installieren. Mit diesem kann er sowohl die Tränke-, als auch die Kraftfuttermenge tierindividuell an den Bedarf anpassen. Außerdem kontrolliert er die täglichen Zunahmen mittels einer integrierten Waage. Mit der neuen Technik erreicht der Betrieb tägliche Zunahmen von bis zu 1.100 g und eine bessere Tiergesundheit (siehe Tabelle„Tränkekurve Betrieb Metzger- Petersen“). Die Tränkekälber haben ein auffallend glänzendes, glattes Fell und keine Leckstellen, was der Landwirt als Effekt der angepassten Tränkemengen einstuft.

Alle Kälber erhalten in den ersten drei Monaten zusätzlich Kraftfutter ad libitum. Zwischen den Besuchen am Tränkeautomaten liegen Tränkepausen von 2,5 Stunden. Diese Zeitabfolge soll das Saugbedürfnis der Kälber zusätzlich stillen. Die gesamte Tränkemenge ist auf Portionen zu je 2,4 l je Besuch aufgeteilt. Dabei können die Kälber ungestört saufen, da der Automat für andere Tiere gesperrt ist. Metzger-Petersen will, dass den Tieren nicht erst in der Gruppenhaltung Heu angeboten wird, sondern schon ab dem ersten Lebenstag in den Doppeliglus. „Es ist wichtig, dass die Kälber Gewohntes wiederfinden“, ist der Landwirt überzeugt. Außerdem würde damit das Wiederkauen früher einsetzen und wenn sich die Tiere mit dem Heu beschäftigen, besaugen sie sich weniger, so die Erfahrung des Landwirts.


Betrieb Rutschmann: Zusätzliche Beschäftigung

Silvia und Alfred Rutschmann sorgten für mehr Beschäftigungsmaterial.

Silvia und Alfred Rutschmann leiten einen Betrieb mit 50 Milchkühen in Klettgau, Baden-Württemberg. Die Besonderheit: Alle Kälber werden muttergebunden aufgezogen. Dabei bleiben die Tiere bis zu einem Alter von 3 bis 3,5 Monaten bei ihrer Mutter und werden anschließend mithilfe von Ammenkühen abgesetzt. Dennoch trat auch bei ihren Kälbern vereinzelt gegenseitiges Besaugen auf. Als Ursache vermuten die Betriebsleiter fehlendes Beschäftigungsmaterial (siehe Kasten „Weitere Maßnahmen im Projekt“). Daher installierten sie Heu- und Grasspender sowie Kälberbürsten. Dazu kamen Heuraufen und ein Kälberschlupf mit Kraftfutterautomat beziehungsweise ein Fressstand auf die Weide. Damit ist sichergestellt, dass die Kälber auch in der Ammenkuhhaltung auf Vollweide ausreichend mit Kraftfutter und Mineralstoffen versorgt werden.


Betrieb Blank: Umstellung des Haltungssystems

Daniela und Hubert Blank haben einen Kälberstall gebaut, wo Kälber an ihren Müttern saufen können.

Daniela und Hubert Blank, deren Betrieb mit 80 Milchkühen im baden-württembergischen Wolfegg liegt, hatten schon vor Beginn des Projekts einen neuen Boxenlaufstall mit automatischem Melksystem gebaut. Die Kälber wurden zu diesem Zeitpunkt nach einer dreiwöchigen Phase bei Ammenkühen bis zu einem Alter von 13 Wochen in einem Altgebäude rationiert getränkt. Dabei erhielten sie 8 bis 10 l in zwei Mahlzeiten am Tag über einen Nuckeleimer. Gegenseitiges Besaugen trat dennoch schubweise auf. In akuten Fällen setzte der Betrieb Saugentwöhner ein. Im Projekt konnten die Betriebsleiter eine muttergebundene Kälberhaltung, verbunden mit dem automatischen Melksystem, umsetzen. Dafür investierten sie das Projektgeld unter anderem in einen neuen Kälberstall. Jetzt können die Kälber zweimal täglich in einem eigens dafür geschaffenen Begegnungsbereich an ihren Müttern saufen. Ein Selektionstor vor dem Roboter ermöglicht sowohl die muttergebundene Kälberhaltung als auch das Melken. Auch Familie Blank hat gute Erfahrungen mit dem Einsatz von Kälbermüsli ab dem ersten Tag gemacht. Es werde von den Tieren sehr gut angenommen und eigne sich außerdem bestens zum Absetzen, erklärt der Betriebsleiter. Die Kälber gewöhnten sich langsam an festes Futter. Das mindere den Absetzstress. Das Kälbermüsli hat, wie auch die Kälber-TMR, wenig unbeständige Stärke, was einer Pansenazidose bei den Kälbern vorbeugt.


Fazit

Alle teilnehmenden Betriebe konnten durch die umgesetzten Maßnahmen, den Erfahrungs- und Wissensaustausch und die Beratung im Netzwerk das gegenseitige Besaugen bei den Kälbern mindern. Die Betriebsleiter stellten fest, dass das Besaugen in den Hintergrund tritt, wenn der allgemeine Gesundheitszustand der Kälber verbessert wird. Dafür sorgen angepasste Tränke- und Fütterungspläne, optimierte Mineralstoffversorgung, Maßnahmen, um das Management und die Tiergesundheit zu optimieren sowie die Umstellung des Haltungssystems (siehe Kasten „Auf Spurenelemente achten“). Das Ergebnis waren gleichmäßiger entwickelte, vitalere und widerstandsfähigere Kälber. Kälberkrankheiten wie Durchfälle kommen kaum noch vor, so die Erfahrungen der Betriebsleiter. Auf allen Betrieben wurde die Ad-libitum-Tränke umgesetzt oder die muttergebundene Kälberaufzucht etabliert oder weitergeführt.

Der Betriebsleiter selbst ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren für eine erfolgreiche Gruppenhaltung von Kälbern ohne gegenseitiges Besaugen. Die langfristigen Effekte der Maßnahmen werden jedoch erst sichtbar, wenn die ersten Kälber, die alle Maßnahmen durchlaufen haben, in ihrer ersten Laktation sind und Effekte auf Eutergesundheit, Milchmenge, Milchqualität, Lebensleistung und Vitalität der Kühe bewertet werden können. (mp)

Weitere Maßnahmen im Projekt

Ein weiterer Ansatz der Betriebe war, möglichen Mangelerscheinungen bei den Kälbern schon vor der Geburt vorzubeugen. Dafür wurde bei den Muttertieren in den letzten Monaten vor der Kalbung das Blut untersucht. Wurde Selenmangel festgestellt, verabreichte man den Muttertieren einen Bolus, der sie und ihre Kälber mit Selen, aber auch mit Kupfer und Kobalt versorgte. Die Betriebsleiter sind davon überzeugt, dass die Bolis die Kälbergesundheit zusätzlich verbessert haben. Einige Landwirte setzten bei den neugeborenen Kälbern zusätzlich ein auf Eisen und Selen basierendes Präparat ein. Daneben enthält es ein Prebiotikum zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit und zur Stabilisierung der Darmflora neugeborener Kälber. Es wird direkt ins Maul appliziert. Die Betriebe waren von dem Präparat überzeugt, da es keine Probleme mehr mit Durchfall gab und die Kälber sehr vital waren.

Neben Fütterung, Tiergesundheit und Management wurden auch Maßnahmen zur Beschäftigung der Kälber umgesetzt. So kamen Heu- und Grasspender zum Einsatz, die den Erkundungs- und Spieltrieb der Kälber fördern. Neben der Möglichkeit zur Aktivität bieten die Heu- und Grasspender den Kälbern auch einen Ort der Ruhe. Nach den Erfahrungen der Betriebe legen sich die Kälber gern in der Gruppe darunter. Mikroklimabereiche in den Ställen schützten die Kälber vor Zugluft. Gerade in den Übergangsmonaten lässt sich damit Atemwegserkrankungen vorbeugen. Auch Kälberbürsten steigerten das Wohlbefinden der Kälber. Außerdem legten die Landwirte befestigte Ausläufe und Weiden an, damit die Kälber ihren Bewegungsdrang ausleben konnten. Des Weiteren hängten einige Milchviehhalter unbehandelte Tannenzweige auf. Für die Kälber steht hier das Ertasten und Erschmecken mit der Zunge im Vordergrund. Über das Kauen an Zweigen lernen die Tiere spielerisch. Sie prägen sich Geschmack und Struktur ein. Dies ist auch für einen späteren Weidegang von Vorteil.

Leonie Schnecker und André Peter

Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, Fachgebiet Beratungsteam Tierhaltung, Wetzlar
tierhaltung@agrarheute.com

Digitale Ausgabe agrarheute Rind

Dies war eine stark verkürzte Zusammenfassung des Originalbeitrags. Lesen Sie jetzt den ausführlichen Fachartikel und testen Sie unverbindlich die digitale Ausgabe agrarheute .

Ihre Vorteile im Überblick:

✔ Immer und überall verfügbar
✔ Artikel teilen
✔ Zusätzliche digitale Inhalte gegenüber der gedruckten Ausgabe
✔ Artikel merken und später lesen