Krise ohne Hilfe

Immer mehr der noch knapp 20.000 Schweinehalter in Deutschland wollen aussteigen. 

Auf den Punkt

  • Die deutsche Schweinehaltung steckt in einer tiefen Krise. Das zeigt eine ISN-Umfrage.
  • Die Hälfte der Schweinehalter will in den nächsten zehn Jahren aussteigen.
  • Die Summe an Auflagen, fehlende Planungssicherheit und Perspektive sind die Hauptgründe.

Der gesellschaftspolitische Wunschzettel sei lang. „Faktisch werden die schweinehaltenden Betriebe aber aufgerieben“, meint ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. Er fasst damit die Ergebnisse einer Umfrage zusammen, die die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) Ende September veröffentlichte.

Insgesamt 1.048 Schweinehalter – darunter 350 Sauenhalter und 698 Mäster – nahmen im Juli und August 2021 an dieser Umfrage unter Angabe ihrens Namens und ihrer Kontaktdaten teil. Damit sind die Umfrageergebnisse recht belastbar.

Sie spiegeln das wider, was sich deutschlandweit derzeit immer deutlicher zeigt: Die Schweinehaltung in Deutschland befindet sich in einer gravierenden Krise. Lange wurde auf politischer Ebene im Bund und in den Ländern über die Ausrichtung der Nutztierhaltung, den Umbau der Haltungssysteme sowie die Umsetzbarkeit und mögliche Finanzierungsmodelle gestritten. Nahezu alle Parteien im Bundestag haben sich bereits im vergangenen Jahr deutlich zu den Umbauplänen der Borchert-Kommission bekannt. Auch im Bundesrat war zuletzt noch vom „Tierwohl-Turbo“ die Rede.

Passiert ist seither nichts. Im Gegenteil:Den schweinehaltenden Betrieben fehlen durch dieses Nichthandeln der Politik Pespektive und Planungssicherheit.Hinzu kommt die aktuelle Preiskrise, mit der alle schweinehaltenden Betriebe deutschlandweit zu kämpfen haben.

Umbau ohne Perspektive

Das Risiko einer Fehlinvestition ist extrem hoch, weil zeitgleich verschiedene Verschärfungen der Haltungsvorgaben für Schweine anstehen. Sie erfordern umfangreiche Anpassungen der Ställe und damit hohe betriebliche Investitionen. Für viele Betriebe ist das nicht zu leisten; sie müssen aufgeben.

Das ist auch ein Ergebnis der ISN-Umfrage: Immer mehr der derzeit noch in Deutschland am Markt verbleibenden knapp 20.000 Schweinehalter werden in den nächsten Jahren aussteigen. Sie sehen keine Per-spektive für ihren Betrieb und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. „Es brennt lichterloh in der Schweinehaltung“, sagt der ISN-Vorsitzende Heinrich Dierkes zu den Ergebnissen der Umfrage.

„Natürlich macht uns Schweinehaltern die aktuell katastrophal schlechte Marktsituation arg zu schaffen, aber dass so viele von uns aufhören, ist besonders eine Folge der fehlenden Perspektive und des fehlenden Rückhalts von allen Seiten der Politik. Wir müssen feststellen, dass in der abgelaufenen Legislaturperiode viel über die Umgestaltung der Schweinehaltung diskutiert wurde – mit durchaus richtigen Ansätzen im Rahmen der Borchert-Kommission, doch die verschiedenen Parteien und Ministerien haben sich, wo es nur ging, gegenseitig Sand ins Getriebe gestreut. Geblieben sind viele Baustellen und noch mehr Fragen. Den Schaden haben wir Bauern“, erklärt er.

Gleichzeitig sei im Ordnungsrecht jedoch viel passiert – oft im deutschen Alleingang, ergänzt Torsten Staack. Für die Schweinehalter bedeute das immer mehr und strengere Auflagen. „Besonders fatal sind in diesem Zusammenhang immer wieder neue Nachforderungen aus der Politik, wie jüngst von Berlins Verbraucherschutzminister Behrendt, der die gerade verabschiedeten und für Schweinehalter sehr weitreichenden Haltungsvorgaben vor dem Bundesverfassungsgericht wieder infrage stellt.“

So nehme man den Schweinehaltern die letzte Planungssicherheit. „Auf welcher Basis sollen sie dann noch investieren? Die Betriebe sind überfordert. Damit muss Schluss sein“, fordert Torsten Staack.

Verlagerung ins Ausland

Die über 1.000 Teilnehmer der aktuellen Umfrage halten rund 10 Prozent der deutschen Schweine. Das macht die Ergebnisse besonders alarmierend: Rund 60 Prozent der Sauenhalter und 40 Prozent der Schweinemäster wollen ihre Tierhaltung in den nächsten zehn Jahren aufgeben. Bei jedem sechsten befragten Betrieb ist der Ausstieg schon sehr konkret und bereits eingeleitet oder steht innerhalb der nächsten zwei Jahre bevor.

„Die Schweinehaltung verlagert sich schon jetzt in andere Länder. Das ist kein Hirngespinst, sondern Fakt“, sagt Heinrich Dierkes. „Während wir hierzulande unseren Sauenbestand massiv zurückfahren, wird er beispielsweise in Ländern wie Spanien in annähernd gleicher Zahl aufgestockt. Wir erwarten von Bund und Ländern Lösungen.“

Die neue Bundesregierung könne die Situation nicht ignorieren und müsse schnell handeln. „Es geht um viel, nämlich darum, dass das Schweinefleisch auch zukünftig noch in Deutschland unter den hohen Standards erzeugt und nicht aus anderen Ländern mit geringeren Erzeugerstandards importiert wird“, betont der ISN-Vorsitzende.

Die zunehmenden Auflagen sind ein häufiger Grund für den Ausstieg aus der Schweinehaltung.

Auflagen treiben Ausstieg an

Bei der Frage nach dem Warum sind sich Sauenhalter und Schweinemäster einig. Es seien besonders die Summe der Auflagen, die fehlende Planungssicherheit und ganz besonders der fehlende politische Rückhalt, die sie zum Ausstieg trieben. Trotz der aktuell desaströsen finanziellen Situation der Betriebe wird die Ökonomie erst danach als Ausstiegsgrund genannt (siehe Grafik „Gründe für den Ausstieg“). Das zeigt, welche schwerwiegende Rolle das Nichthandeln der Politik spielt.

Kleine Betriebe geben auf

Außerdem zeigen die Umfrageergebnisse eines ganz deutlich: Je kleiner der Betrieb ist, desto eher denkt der Betriebsleiter ans Aufgeben. Kleinere Betriebe wird es demnach in Zukunft wohl kaum noch geben. Bei Betrieben mit bis zu 150 Sauen planen 80 Prozent den Ausstieg, 36,5 Prozent sogar schon in den nächsten zwei Jahren. Weitere 34,9 Prozent dieser Sauenhalter planen, in den nächsten fünf Jahren die Ferkelerzeugung aufzugeben. In der Größenklasse ab 600 Sauen gaben in der Umfrage dagegen über 63,3 Prozent der Betriebsleiter an, die Sauenhaltung fortführen zu wollen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Schweinemast: 56,1 Prozent der Betriebsleiter mit unter 800 Mastschweinen gaben in der Umfrage an, die Schweinehaltung aufgeben zu wollen. In der Größenordnung über 2.800 Mastplätzen wollen nur 25,9 Prozent der Betriebsleiter aussteigen.

Besonders im Süden Deutschlands ist die Lage der Schweinehaltung dramatisch. Dort wollen mehr als 70 Prozent der Sauenhalter und 55 Prozent der Schweinemäster in den nächsten zehn Jahren aufhören (siehe Grafiken „Werden Sie die Sauenhaltung beziehungsweise die Mastschweinehaltung in Ihrem Betrieb aufgeben?“).

Auch die Tierzahlen werden schrumpfen: Aus den Berechnungen der Umfrage ergibt sich, dass durch die hohe Zahl der aussteigenden Ferkelerzeuger, die geringe Investitionsbereitschaft und schärfere Platzvorgaben in Tierwohlprogrammen wohl zukünftig 25 bis 30 Prozent weniger Sauen in den Betrieben gehalten werden. Ähnlich sieht es in der Schweinemast aus. Auch hier ergibt sich aus den Umfragedaten ein Rückgang der Tierbestände von 25 bis 30 Prozent in den kommenden zehn Jahren.

Kommentar

Der Strukturbruch kommt

1.000 Betriebe haben unter Angabe ihrer Personendaten an der Umfrage der ISN teilgenommen. Sie repräsentieren 10 Prozent der deutschen Schweinehaltung. Das Ergebnis: In den nächsten zehn Jahren wollen im Osten 30 Prozent der Sauenhalter aufgeben, im Süden sogar 75 Prozent. Ausgelöst wird das auch von der Verabschiedung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Wir haben damit die schärfsten gesetzlichen Vorgaben für die Sauenhaltung in der EU.

Innerhalb der ISN-Gremien werden daher Zukunftsvisionen, aber auch Ausstiegsoptionen diskutiert. Aus Süddeutschland kommend und als einer von sechs Vorständen der ISN bin ich der Meinung: Wir brauchen, ähnlich wie in den Niederlanden, eine „staatliche Austiegsprämie“ für die Betriebe, die raus wollen. Und vor allem brauchen wir eine „staatliche Umstiegsprämie“ für die Betriebe, die mehr Tierwohl umsetzen wollen. Dafür muss das Genehmigungsrecht für Umbauten von der neuen Bundesregierung schnell reformiert werden.

Warum sollte der Staat helfen? Weil er in anderen Branchen – von Atom über Kohle bis hin zu Stahl – gesetzliche Verschärfungen, die zum Ausstieg führen, auch sozialverträglich gestaltet. Das Liebste wäre den meisten Schweinehaltern und auch mir, wenn bei uns das Tierschutzniveau auf dem gleichen Stand wie in der übrigen EU wäre. Weil das ein Wunsch bleiben wird, müssen wir hier den Staat in die Verantwortung nehmen.

Hohe Investitionen in Sauenhaltung

Ein Ausbau der Sauenhaltung und der Schweinemast findet kaum noch statt. So geben lediglich 6,3 Prozent der Sauenhalter und 7,9 Prozent der Schweinemäster an, ihre Tierhaltung in den kommenden zehn Jahren ausbauen zu wollen. In der Tendenz sind es auch hier die größeren Betriebe, die noch in die Tierhaltung investieren wollen.

Bei den Sauenhaltern stehen insbesondere große Investitionen im Deckzentrum und im Abferkelbereich an. Hier wurden die Vorgaben für die Haltung von Sauen mit der im Februar novellierten Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung massiv verschärft. Viele Sauenhalter werden voraussichtlich zum Ende der Übergangsfrist aussteigen.

Diese Zahlen sind alamierend. Dabei schätzt die ISN, dass die Realität und die Ausstiegsraten wahrscheinlich noch höher ausfallen. Grund dafür sei, dass die an der Umfrage teilgenommenen Betriebe deutlich größer waren als das Mittel aller deutschen Betriebe. So hielten die an der Umfrage teilgenommenen Schweinehalter durchschnittlich 463 Sauen beziehungsweise 2.017 Mastschweine. Die durchschnittliche Herdengröße der Sauenhalter in Deutschland berägt dagegen 252 Sauen. Die deutschen Schweinemäster halten im Schnitt 940 Schweine.

Zudem muss nach Angaben der ISN berücksichtigt werden, dass sich die finanzielle Lage der Schweinehalter in den vergangenen Wochen noch einmal sehr stark zugespitzt hat. Es sei also zu befürchten, dass eine Wiederholung der Umfrage zum jetztigen Zeitpunkt noch einmal deutlich mehr Betriebe mit Ausstiegsabsichten aufzeigen würde.

Besonders die Summe der Auflagen mache den Schweinehaltern zu schaffen. „Wenn ein schweinehaltender Betrieb, der sich verändern will, das nicht kann und nicht darf, bleibt ihm nur der Ausstieg“, erklärt Torsten Staack. „Wenn die neue Bundesregierung nicht den Exodus der bäuerlichen Betriebe will, muss sie gehörig Gas geben.

Sie dürfe dabei nicht von vorne anfangen oder neue Punkte aufsatteln, sondern müsse auf Basis der Borchert-Kommission weiterarbeiten und endlich ein schlüssiges und für Schweinehalter umsetzbares Gesamtkonzept auf den Weg bringen. „Dazu gehört eine transparente Kennzeichnung aller Schweinefleischprodukte mit der Haltungsform und der Herkunft bis zur Geburt der Schweine.“ ●

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