Imker fragen Imker

Eignen sich Solaranlagen als Bienenstellplätze?

Sinnvolle Aufstellmöglichkeiten, sodass sich die Bienen gut orientieren können, gäbe es nur am Rand der Anlagen.

Überall im Land trifft man auf Flächen mit Solaranlagen. Eigentlich ein idealer Bienenstellplatz, könnte man meinen. Da es diesbezüglich scheinbar unter den Lesern noch wenig Erfahrungen gibt, haben wir auch bei drei Fachberatern für Imkerei nachgefragt.

Brigitte Schelble, 79780 Stühlingen, schreibt über ihre Erfahrungen mit elektrischen Magnetfeldern: Ich hatte über viele Jahre immer wieder vier Jungvölker in unserer großen Blumenwiese stehen. Sie haben sich fast alle toll entwickelt. Vor vier Jahren wurde etwa einen Meter von meinen Bienenvölkern entfernt ein Starkstromkabel in der Erde verlegt. Ab dieser Zeit haben sich alle Völker schlecht entwickelt und überlebten den Winter nicht. Drei Jahre habe ich immer wieder einen Versuch gestartet, doch ohne Erfolg. Für mich war klar, dass das Elektrokabel großen negativen Einfluss auf die Entwicklung der Bienenvölker hatte.

Klaus Blasbichler, Fachberater in Laimburg, Südtirol: Ich kenne das Problem von einem Imker bei uns, der ebenfalls seine Bienen neben der Wechselrichteranlage der Photovoltaik stehen hat. Die Bienen zeigen dabei aber keine schlechte Volksentwicklung, sondern sind lediglich sehr leicht reizbar und haben den ganzen Frühsommer extremen Schwarmtrieb und schwärmen auch regelmäßig ab, trotz erfolgter Kontrollen. Für mich war dies ein Zeichen, dass der Platz ungeeignet sein muss.

Die Wechselrichteranlagen erzeugen, was sehr gut messbar ist, enorme Magnet- und Spannungsfelder. Diese waren auch bei diesem Bienenstand sehr gut messbar. Allerdings haben wir bei unserer Nachforschung keine Studienergebnisse gefunden, inwieweit Magnetfelder die Bienen beeinflussen.

Inzwischen ist der Imker bei uns mit den Bienen weggewandert. Der Schwarmtrieb ist seither wie weggeblasen, und die Bienen sind sanftmütig wie eh und je.

Dr. Jens Radtke, Länderinstitut für Bienenkunde, 16540 Hohen Neuendorf: Primär sehe ich hier das Problem, dass die Bienen nicht oder nur schwer zum Stock zurückfinden. Da sich die heimkehrenden Flugbienen bekanntlich an der Struktur ihrer Umgebung orientieren, haben sie keine reale Chance, ihre Stöcke zu finden, wenn diese unter den Solarzellen stehen. Daher wären nur Stellplätze im unmittelbaren Randbereich geeignet oder besser, wenn sich diese in einigen Metern Entfernung befinden. Schließlich bilden große Photovoltaikanlagen aus der Vogel- bzw. Bienenperspektive eine einheitliche Spiegel-Fläche ohne jegliche Orientierungsmöglichkeit.

Dr. Manuel Tritschler, Leiter Bienengesundheit beim CVUA, 79108 Freiburg, meint: Eine sehr interessante Anfrage, die mich an meine Diplomarbeit erinnert, bei der ich in Hohenheim die Bestäubung bei Apfelbäumen von verschiedenen Bestäubern beobachtet habe. Dabei fiel auf, dass sich Bienenvölker besonders in den Zelten kahlfliegen. Anstatt die Blüten anzufliegen, orientieren sich viele der Bienen am Licht und fliegen verstärkt innen an der Zeltdecke herum - wobei sie meiner Vermutung nach so lange fliegen, bis sie verhungern, ihnen quasi der Treibstoff ausgeht.

Ich könnte mir vorstellen, dass lichtdurchlässige Solarpaneele einen ähnlichen Effekt wie ein Zelt haben: Das Sonnenlicht animiert sie auszufliegen, aber sie verfangen sich oder können sich bei der Rückkehr nicht ausreichend orientieren, sodass sich die Völker ebenfalls kahlfliegen.

Aus der Vogel- bzw. Bienenperspektive bilden große PV-Anlagen eine einheitliche Spiegelfläche ohne Orientierungshilfe.

Armin Spürgin: Immer, wenn ich an einer großen Photovoltaikanlage vorbeifahre, denke ich, das müsste doch ein toller Aufstellungsplatz für die Bienenvölker sein. Die Kästen ließen sich sowohl vor Regen als auch vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt aufstellen. Eine niederwüchsige Einsaat könnte Pollen und Nektar spenden. Eigentlich das Paradies für die Bienen. Und wenn man die Erlaubnis und einen Schlüssel erhält, wäre der eingezäunte Stellplatz auch vor Fremdeingriffen geschützt.

Neben den schon genannten möglichen negativen Einflüssen gibt mir auch die Tatsache zu denken, dass die Bienen im Bereich des Stockes abkoten. Bekanntlich vor allem im Frühjahr beim Reinigungsflug. Der Anlagenbetreiber könnte wenig amüsiert darüber sein, wenn er seine schwarzglänzende Anlage in der Umgebung des Bienenstandes plötzlich ockergelb gesprenkelt vorfindet.

Nach obigen Wortmeldungen sollte man also mit dem Aufstellen von Bienenvölkern zwischen oder in der Nähe von Photovoltaikpaneelen erst einmal vorsichtig sein. Allenfalls sollte man es mit wenigen Völkern versuchen.

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