Reportage

Luftkurort Bienenstock

Nicht nur die Luft im Bienenstock wirkt erholsam. Bei der Therapie mit Stockluft legen die Kunden Brille und Handy weg und kommen zur Ruhe.

Einatmen. Ausatmen. Bei jedem Atemzug nimmt Arno Bruder aus Oberbayern mehr Aromen aus der warmen, feuchten Wabenluft wahr: würzig, holzig, ledrig. Fruchtig, frisch, zitronig. Er nimmt die Atemmaske vom Gesicht und lächelt. In den Fenstern des Bienenhauses erstrecken sich die Alpen, in einer Reihe davor neun Bienenvölker. Arno Bruder imkerte schon als Kind mit seinem Vater, war jahrzehntelang Fachberater und Leiter der Imkereifachberatung in Oberbayern. Seit drei Jahren ist er Präsident des Deutschen Apitherapiebundes e.V.

So wie Arno Bruder teilen immer mehr Imker die summende Luft mit Allergikern, Asthmatikern und Lungenkranken. Das nennt sich Stocklufttherapie. Und laut Bundesamt für Statistik nehmen diese Erkrankungen zu, inzwischen leidet jeder dritte Deutsche an Allergien. Die Therapie mit Stockluft könnte die Lösung für diese zunehmenden Krankheiten darstellen. Bienen halten ihren Stock stets auf 35 Grad Wärme. Dadurch verdunsten die heilsamen Substanzen aus eingelagertem Honig, Pollen, Propolis und Wachs. Sie gelangen in die Luft. Hier wirken die Vorteile aller Bienenprodukte zusammen.

„Jede Bienenstockluft ist durch die Stärke des Bienenvolkes, den Standort und den Zeitpunkt der Probennahme einzigartig. Dadurch ist es schwierig, allgemein die Wirkung der Luft wissenschaftlich zu belegen.“ Karl Speer, Professor für Lebensmittelchemie der Universität Dresden, ermittelte mit seiner Arbeitsgruppe über 50 gesundheitsfördernde Substanzen und Aromastoffe in der Bienenluft. Diese verbessern die Atemwege nachweislich. Bisher ist die positive Wirkung nur in Erfahrungsberichten beschrieben. Klinische oder wissenschaftliche Studien fehlen noch. Doch der positive Effekt der Therapie zeigt sich bei einzelnen Patienten schnell. Vorher laufen den Pollen- und Hausstauballergikern die Nasen, die Augen sind rot und verquollen. „Die Asthmatiker klagen darüber, nicht richtig Luft zu bekommen. Die Luft aus den Wabengassen verringert die allergischen Symptome.“ Apothekerin und Apitherapeutin Corinna Stoiber misst das Lungenvolumen, das sich nach dem Inhalieren der Bienenluft wesentlich verbessern kann: „Kunden erinnern sich plötzlich wieder, wie es war, richtig Luft holen zu können.“

Manche entspannen besser gemeinsam: Zu zweit atmen die Kunden die Luft verschiedener Bienenvölker.

Die Stocklufttherapie ist lange bekannt: „Mein Großvater war schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Russland dabei, wo Imker ihre Völker in Zügen transportierten. Die Mittagsruhe hielten sie in den Güterwägen bei den Bienen. Die kannten die heilsame Bienenluft schon damals“, erzählt Arno Bruder. Fast hundert Jahre später entwickelte der heute knapp 80-jährige Imkereimeister Hans Musch aus Oberschwaben die Therapie weiter: „Ich nutzte den Ventilator eines kaputten Dia-Projektors, um die Bienenluft mit Schlauch und Maske direkt gegen meine chronischen Kopfschmerzen einzuatmen. Es wirkte.“ Inzwischen baut Hans Musch die Geräte professionell und ließ sich die Idee patentieren. Imker erhalten Stockluftgeräte ab 250 Euro und bieten die Luft im Schnitt für 10 bis 60 Euro pro Sitzung an. Doch dabei gibt es einiges zu beachten. Die Apothekerin Corinna Stoiber empfiehlt, dass ein Arzt oder Heilpraktiker dabei sein sollte. Diese sind in der Anamnese geschult und achten darauf, dass die Patienten die Therapie richtig durchführen.

Die Therapie beginnt, wenn die Bienen Nektar von Kirsch- und Obstbäumen sammeln. Im Stock fächern sie den Honig mit ihren Flügeln trocken. Dabei gelangen die Aromastoffe in die Luft, es riecht hoch konzentriert nach der umliegenden Natur. Gibt es keinen Nektar mehr, enden Bienensaison und Therapie. Die Kunden sollten die Stocklufttherapie möglichst während einer ganzen Bienensaison nutzen. Zeitgleich sowie außerhalb der Stockluftsaison empfiehlt Corinna Stoiber je nach Beschwerdebild weitere Bienenprodukte: heimischen Honig und Pollen zur Stärkung und Allergiebehandlung, Deckelwachs und Propolis bei asthmatischen Erkrankungen. Auch Propolisverdampfer, Ohrkerzen und Honigmassagen sind das ganze Kalenderjahr über nutzbar und unterstützen die Stocklufttherapie.

Ein Gitter dient als Unterlage für den Stockluft-Inhalator. So gelangen keine Bienen in den Atemschlauch.

Arno Bruder nimmt auf seine Kunden besondere Rücksicht. Er stellt seine Bienenstöcke in ein Bienenhaus, die Bienen fliegen von außen durch Löcher in der Hauswand direkt in die Völker. Im Haus kann niemand in Kontakt mit den Bienen kommen. „Kunden können nur entspannen, wenn sie keine Angst vor Bienenstichen haben müssen.“ Die Geruchsvielfalt der warmen Bienenluft, leise summende Bienen und das weite Alpenpanorama wirken zusammen: „Die Erkrankten schalten hier ab, die Handys bleiben weg, sie denken nur ans Atmen. Durch die Nase ein und den Mund aus.“

Stört das die Bienen? Der Ventilator erzeugt einen Luftstrom, der mit dem Wind vergleichbar ist, der an stürmischen Tagen ins Bienenvolk pfeift. Die Waben schwingen durch den Wind und irritieren die Bienen, die mit Schwänzeltänzen kommunizieren. Wechseln Imker ihre Völker jedoch ab, entstehen keine Probleme. Bei Arno Bruder atmen die Kunden die Luft jeweils eine halbe Stunde aus drei Bienenvölkern. Wenn die Bienen ihren Honig trocknen, riechen Imker die Stockluft bereits im Bienenhaus. Jetzt können sie die wohltuenden Aromen der sonst nur ihnen selbst vorbehaltenen Luft anderen anbieten. Warum sich der Aufwand lohnt? Arno Bruder nimmt noch einen Atemzug Bienenluft und beantwortet die Frage nüchtern: „Weil ich damit Menschen helfe, sich gesund zu atmen.“

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