Waldtracht

Wie entwickelt sich die Waldtracht?

Der Wald verändert sich: Diese Tannen sind während des „Waldsterbens“ eingegangen.

Die Waldschadenserhebung 2021 des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist so überschrieben: Nachlassende Schadensdynamik im Wald – Zustand aber immer noch besorgniserregend. Wälder sind wie andere Lebensräume auch, ständigen Veränderungen unterworfen. So auch der Schwarzwald. Früher überwiegend mit Buchen und Tannen bewachsen, wurden diese später von Fichten und Kiefern weitgehend verdrängt. Wer mit offenen Augen durch die Landschaft fährt, kann es nicht übersehen. Immer wieder begegnen uns dürre Einzelbäume und mehr oder weniger große Flächen brauner Fichtenbestände. Das Gleiche, wenn auch in geringerem Maß, kann man bei den Tannen beobachten, die durch eine kräftigere rotbraune Färbung ihr Ende signalisieren. Man fragt sich, woher das kommen mag. Leiden die Bäume an einer allgemeinen Wasserknappheit oder stehen sie am falschen Standort? Oder von Allem etwas?

Junge Tannen müssen gegen Wildverbiss geschützt werden.

Oben erwähnte Waldschadenserhebung geht sogar davon aus, dass die Fichten auch an gut mit Wasser versorgten Standorten leiden. Noch mehr schmerzt es den Imker zu beobachten, wie Fichten und vor allem Tannen durch Douglasien ersetzt werden. Dabei bräuchte man die Tannen gar nicht zu pflanzen. Sie samen sich selbst aus, wachsen im Schatten der Nachbarbäume und schießen los, wenn diese geschlagen werden und den Lichteinfall freigeben. Aber nicht nur Imker lieben die Tannen, auch die Rehe. Wo jene sich zu sehr vermehren, haben diese das Nachsehen. Ein Imker könnte sich allenfalls an blühende Bäume wie Vogelkirsche und Bergahorn gewöhnen, zumindest als Wiedergutmachung und Einsprengsel in sterile Douglasienforste.

Was tun die Honigtauerzeuger?

Mit den Jahren ändert sich nicht nur die Zusammensetzung der Baumarten in den Wäldern. Es verschieben sich auch die Honigtauerzeugerarten und ihre Einschätzung als Honigtaulieferant. Es gehört zu den Eigenheiten der massenhaft auftretenden Insekten, dass sie sich zu unglaublichen Populationen vermehren, die noch im gleichen Jahr völlig zusammenbrechen können und im Folgejahr kaum noch auffindbar sind. Darüber, ob und inwieweit der Massenwechsel der Honigtauerzeuger auch vom Klimawandel beeinflusst wird, kann wohl nur spekuliert werden.

2020 war so ein Jahr, das wahrscheinlich als Jahrhundertjahr in die Geschichte eingehen wird, obwohl wir erst auf ein Fünftel des Jahrhunderts zurückblicken können. 2021 waren die Fichten- und Tannenzweige wie leergefegt. Weit und breit keine Honigtauerzeuger. Es wird sicher für lange Zeit das schlechteste Honigjahr seit der Jahrtausendwende bleiben. Nur in einigen Regionen hat im Spätherbst 2021 die Grüne Tannenhoniglaus Cinara pectinatae kleine Kolonien ausgebildet, die dort zur Hoffnung auf eine Tracht im Folgejahr Anlass geben könnten. An der Fichte hatte sich voriges Jahr überhaupt nichts geregt. Das muss aber für 2022 nichts bedeuten. Die Honigtauerzeuger der Fichte treten, mit Ausnahme der Kleinen Lecanie Physokermes hemigryphus, sehr spontan auf. Etwas überspitzt ausgedrückt: Kaum findet man ein paar Läuse, fängt es schon bald an zu honigen - oder auch nicht.

Neuigkeiten an Tanne und Fichte

Die erst 2000 entdeckte Mattschwarze Tannenrindenlaus C. curvipes, findet man inzwischen regelmäßig an Weißtannen. Sie wurde mit der Einfuhr von Coloradotannen eingeschleppt und daher auch als Coloradolaus bezeichnet. Das Auftreten neuer Arten hat aber wohl mehr mit dem globalen Pflanzenhandel als mit Klimafragen zu tun. Ob C. curvipes wirklich schon einmal nennenswert an einer Tracht beteiligt war, weiß niemand. Das wird man erst in einem Jahr nachweisen können, in dem sich keine weiteren Honigtauerzeuger finden lassen. Genau so war es auch bei der Großen braunschwarzen Tannenrindenlaus C. confinis, die im Schwarzwald bis 1989 als wertlos galt. 1990 hat sie alleine gehonigt, und zwar sehr gut. Seither war C. confinis immer wieder einmal an guten Tannentrachten beteiligt.

Auch bei der Fichte werden Honigtauerzeuger mit der Zeit anders bewertet: Vor allem beim Thema Zementhonig. Zurückblickend erinnert man sich an die ersten Vorkommen von Melezitosehonig im Schwarzwald in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Als Verursacherin wurde damals die Stark bemehlte Fichtenrindenlaus C. costata ausgemacht. Diese Laus verschwand in den 80er- und 90er-Jahren mehr und mehr aus der Beobachtung. Das Phänomen Melezitose ist aber geblieben. Es hat dann etwas gedauert, bis man den neuen Übeltäter ausmachen konnte: die Große schwarze Fichtenrindenlaus C. piceae. Sie siedelt in einsamer Höhe in den oberen Dritteln der Baumkronen, fern von jeder Möglichkeit der Beobachtung. Volltracht bei Regenwetter war das wichtigste Alarmzeichen für Zementhonig. Es ist bekannt, dass jeder Waldhonig mehr oder weniger Melezitosezucker enthalten kann. Wie hoch dieser Anteil ist, hängt wohl auch von äußeren Einflüssen (Versorgung des Baumes, Wetter) ab. So wurde in dem Jahrhundertjahr 2020 erstmals kristallisierter Honigtau in Kolonien der Rotbraunen bepuderten Fichtenrindenlaus C. pilicornis entdeckt, einer hinsichtlich Zement bisher völlig unverdächtigen Laus. Die sonst hauptbeteiligte C. piceae hatte sich 2020 überdies etwas rar gemacht. Sie konnte keinesfalls die alleinige Verantwortliche für den weit verbreiteten Melezitosehonig sein.

Bienengesundheit in Spättrachten

Auch in der Wald- und Tannentracht ist es die Varroamilbe, die letztendlich die Betriebsweise bestimmt. In Vor-Varroazeiten konnte man noch späte Trachten bis in den September hinein nutzen. Wurden die Völker schwächer, wurden sie einfach zusammengelegt, dass wieder eine einigermaßen leistungsfähige Einheit entstand. Würde man heute genauso verfahren, hätte dies zur Folge, dass relativ schwach befallene Einheiten mit stark vermilbten Schwächlingen verseucht würden.

Grüppchenbildung vor dem Flugloch und haarlose Bienen in der Tannentracht können auf Schwarzsucht, aber auch auf Chronisches Paralysevirus hinweisen.

Wer heute noch eine Tracht im August nutzen will, muss zuerst eine Milbenkontrolle durchführen, um überhaupt abschätzen zu können, ob die Bienen die nächsten vier Wochen noch durchhalten. Dazu bietet sich vor allem eine 3-tägige Gemüllkontrolle mit geölter Windel oder eine Puderzuckerdiagnose an (siehe Grundwissen für Imker 10-02-03). Nun kann es immer noch passieren, dass eine Tannentracht bis in den September dauert. Allerdings viel seltener als noch vor 40 bis 50 Jahren. Damals waren es übrigens speziell die extremen Spättrachten, die einen besonders dunklen („schwarzen“) Tannenhonig lieferten, den es heute praktisch nicht mehr gibt. Ob das eher frühere Auftreten der Tannentracht heute mit veränderten Temperaturen zusammenhängt? Aber auch schon damals war es eine besondere Herausforderung, so späte Trachten zu nutzen. Je später sie kam und je dunkler der Honig ausfiel, umso gravierender die Schwarzsucht. Die Devise war immer: Ende September müssen die Völker winterfertig sein. Häufig waren dann im Frühjahr die Bienen trotzdem tot.

Unter Varroabedingungen gilt als Faustregel: Ende Juli muss die Varroabekämpfung beginnen. Im August wird eingefüttert und die zweite Behandlung eingeleitet. Es ist nur möglich, die Spättracht zu nutzen, wenn man zuvor den Milbenbefall diagnostiziert hat und er unter der Schadschwelle liegt. Behandelte Völker dürfen nicht mehr in die Tracht, um Rückstände im Honig zu vermeiden. Für den Wanderimker ist es heute wichtiger denn je, im Frühjahr Jungvölker zu bilden, um den Völkerbestand abzusichern.

Wald- oder Blütenhonig?

Der Sturm Lothar an Weihnachten 1999 und folgende Stürme haben ganze Waldteile niedergelegt. Plötzlich kam Licht an den Boden. Blütenpflanzen gedeihen besser und beginnen auf einmal zu honigen. So etwa der Bärlauch, der in den Folgejahren, nicht nur zur Freude der Imker auftrat. Der Honig schmeckt zwar ausgezeichnet, sitzt aber fast so fest in den Wabenzellen wie Melezitose- oder Heidehonig. Problematischer wird es aber bei später blühenden Trachtpflanzen des Waldes, wie etwa Gamander, Fuchskreuzkraut, Weidenröschen oder besonders Drüsiges Springkraut. Diese Pflanzen sind natürlich sehr willkommen, wenn die Waldtracht ausfällt und als Bienennahrung allemal besser als Honigtau. Kommt jener aber etwas spärlicher, läuft beim Imker am Ende ein Produkt aus der Schleuder, halb Fisch halb Fleisch. Ist das noch ein Waldhonig? Oder Wald mit Blüte? Oder Sommerhonig? Die Tragik beim Sortenhonig ist eben, dass er preislich variiert. Wer in den Wald wandert und am Ende „nur“ Blüte erntet, macht vielleicht ein Verlustgeschäft. Hier sollte man nach Möglichkeiten bei der Deklarierung oder Preisgestaltung suchen.

Efeuhonig: Nicht schleuderbar und über den Winter bienenschädlich.

Eine ganz andere Geschichte ist die Ausbreitung des Efeu. Er wird nicht mehr bekämpft und überwuchert nicht nur Bäume aller Art, sondern auch Zäune, Mauern und Fassaden. Efeu blüht so spät, dass der Honig nicht mehr geerntet werden kann. Das wäre auch deshalb nicht möglich, weil der Honig in den Waben fest kristallisiert, vergleichbar mit Melezitose. Besonders schwächere Völker tun sich schwer, auf diesem festen Futter zu überwintern. In kalten, lang anhaltenden Wintern macht er aber auch stärkeren Völkern zu schaffen. Ursache für diese Veränderung ist vermutlich nicht die Klimaveränderung, sondern das veränderte Umweltverständnis. Man hält Efeu für eine Zierde und glaubt, mit der Blüte, die ja von unzähligen Insekten besucht wird, etwas Gutes zu tun. Das trifft auch zu, denn nur die Honigbienen lagern den Honig als Winterfutter ein. Früher war der Efeu als Baumwürger und Schädiger des Mauerwerks verschrien und wurde entsprechend kurz gehalten. Das würde ihn sogar am Blühen hindern, denn Blüten bildet er nur an den äußersten Zweigen aus, die sogar eine andere Blattform tragen als die übrige Pflanze.

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