Imkern in der Stadt

Stadt oder Land: Wo ist der Honig gesünder?

Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Pollen lassen auf die Schadstoffmenge im Honig rückschließen: 4 von 5 Pollenproben aus der Landimkerei waren belastet und lediglich 1 von 4 Pollenproben aus der Stadtimkerei.

Bienen in der Stadt leben in einer anderen Umwelt als auf dem Land: Das Trachtangebot unterscheidet sich, die Qualität des Bodens, der Verlauf der Witterung, das Mikroklima, die Bienenstände, Parasiten und die Immissionen von Pflanzenschutzmitteln. Dabei entscheiden diese Faktoren darüber, wie gut sich Völker entwickeln und Honig eintragen.

Welche Trachten bieten sich den Stadt- und den Land-Bienen?

In reinen Agrarlandschaften dominieren im Frühjahr Kulturpflanzen wie der Raps. Darauf folgen Getreide, Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben, die für Bienen keine Nahrung bringen. Nur in einigen Regionen liefern Sonderkulturen wie Spargel oder Beerenfrüchte Nektar und Pollen. Ist die Agrarlandschaft jedoch so strukturiert, dass für Hecken, Brachflächen, Blühflächen und Baumbestände wie die Linde Platz ist, können diese zu einem guten Trachtangebot führen.

Städte haben sich über die letzten Jahrzehnte mit öffentlichen Parks und Alleen kontinuierlich zu einem immer besser werdenden Trachtgebiet entwickelt. Weniger intensive Pflege von Grünflächen führt zu über Wochen blühenden bunten Flächen. Im zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit vernichtete man die Baumbestände, um Brennholz zu gewinnen. Daraufhin pflanzte man Bäume in Parkanlagen und als Allee-Bäume: Linden, Robinien, Götterbäume. Diese Bäume wuchsen über die Jahrzehnte und damit stieg auch deren Nektar- und Pollenproduktion beständig. Durch die Trachtvielfalt in Städten finden Bienen dort über einen längeren Zeitraum Nahrung als auf dem Land. Subjektiv besteht zudem der Eindruck, dass die Städter auf noch so kleinen Flächen insektenfreundliche Pflanzen ausbringen, während man in den Einfamilienhaus-Siedlungen auf dem Land eher die „Stein- oder Schottergärten“ favorisiert.

Wo tragen die Bienen mehr Honig ein?

Linden stehen in Alleen und Parkanlangen und sind eine häufige Trachtpflanze für Bienen aus Stadtimkereien.

Das 4,5 Jahre laufende Projekt FIT BEE des LAVES Institut für Bienenkunde (BLE FKZ 28-1-71.009-10, Quellen: tinyurl.com/fitbee-laves-institut) zeigte das gegensätzliche Nahrungsangebot für Stadt- und Landbienen. In dem Projekt verglich man Entwicklung und Honigertrag von Bienenvölkern in einer reinen Agrarlandschaft gegenüber Völkern im Zentrum von Hannover. In der Stadt entwickelten sich die Völker besser als am Agrarstandort. Die Honigernte fiel jedes Jahr deutlich höher aus. Im Durchschnitt wurden von einem Stadtvolk 65 und von einem Landvolk 32 Kilogramm Honig geerntet. Anschließend wurden im Projekt die Baumkataster der Standorte verglichen und die gesammelten Pollen und der eingetragene Honig der Völker analysiert. Dadurch konnte ermittelt werden, welches Trachtangebot jeweils vorhanden war und welche Pflanzen tatsächlich von den Bienen genutzt wurden. 540 Pollen- und 115 Honig-Einzelvolkproben zeigten, dass die Völker eines Standortes ein erstaunlich ähnliches Pollen- und Nektarspektrum eintrugen. Zwischen den Standorten war der Unterschied verständlicherweise gravierend.

Am Agrarstandort waren die Haupttrachtquellen im Frühjahr neben Raps vor allem Weide, Obstbäume und Eiche. In der Stadt waren es im Frühjahr neben Weiden, Obstbäumen, Eichen noch deutlich mehr Arten wie Robinie, Stechpalme und Vergissmeinnicht. Trotz des Angebots trugen die Bienen zusätzlich Rapsnektar und -pollen ein. Die Bienen flogen anscheinend zur Zeit der Rapsblüte über 4,5 Kilometer an den Westrand von Hannover, um dort eine 60 Hektar große Rapsfläche zu nutzen. Im Sommer und Herbst dominierten am Agrarstandort Linde, Faulbaum sowie Klee, Schafgarbe und Phacelia. In der Stadt waren es vor allem die Baumarten Linde, Götterbaum, Edelkastanie sowie Springkraut und Wilder Wein.

Welcher Honig ist schadstoffärmer?

Pollen aus der Stadtimkerei waren deutlich höher mit Schwermetallen und Schadstoffen aus dem Abgas belastet.

Die Pollen- und Honiganalyse zeigte altbekanntes: Pollen ist wesentlich stärker mit Rückständen von Pflanzenschutzmitteln belastet als Honig. Pollen und Wirkstoffe aus den Pflanzenschutzmitteln sind eher fettliebend, Honig hingegen ist fettabstoßend und „weist“ die Wirkstoffe zurück. Es wurden 62 Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe in Pollen (11 Insektizide, 33 Fungizide, 18 Herbizide) und 4 in Honig (1 Insektizid, 3 Fungizide) nachgewiesen. Das häufigste Insektizid war Thiacloprid. Das Spektrum der Wirkstoffe spiegelt die landwirtschaftlichen Kulturen wider, inklusive der höheren Belastung bei Sonderkulturen wie Erdbeere und Spargel. Am Agrarstandort waren über 80 Prozent der Pollenproben und 60 Prozent der Honigproben belastet, überwiegend Frühtrachthonige mit Rapsanteil. Die ermittelten Wirkstoffe sind von Pflanzenschutzmitteln, die vor allem im Rapsanbau eingesetzt werden. In der Stadt waren 25 Prozent der Pollenproben belastet. Auch diese belasteten Stadtproben enthielten Rapspollen. Von den Honigen aus der Stadt konnten keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln ermittelt werden, sie lagen unterhalb der Nachweisgrenze.

Pollen und Honige können zudem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe enthalten. Diese entstehen vor allem bei Verbrennungsprozessen wie beim Benzinverbrauch im Straßenverkehr. Auch dafür gilt, dass der Pollen gegenüber dem Honig deutlich stärker belastet war, sowohl häufiger als auch höher. Die Pollenproben aus der Stadt waren allerdings deutlich höher mit polyzyklisch aromatischen Kohlenwasserstoffen belastet als die vom Agrarstandort. Bei den Honigproben gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen Stadt- und Land.

Auch mit Schwermetallen war der Pollen gegenüber dem Honig zwischen zehn bis nahezu hundertfach höher belastet. Zwischen der Stadt- und Landimkerei gab es keine Unterschiede, bis auf die Düngekomponente Mangan: Hiervon war die Landimkerei stärker belastet.

Fazit: Tragen Stadt- oder Landbienen Honig mit weniger Schadstoffen ein?

In der Stadt entwickeln sich Bienen besser und produzieren mehr Honig als auf dem Land. Keiner der Stadthonige beinhaltete Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, aber über die Hälfte der Landhonige. Dabei muss man jedoch beachten, dass die Bienen nicht innerhalb der Stadtgrenze blieben. Trotz des vielfältigen Nahrungsangebots flogen sie in den mehrere Kilometer entfernten Agrargürtel, der sich um die Stadt schließt. Dort sammelten sie sowohl Pollen als auch Nektar. Beim Vergleich zwischen Stadt und Land muss also mit einem großen Sammelradius gerechnet werden. Dieser kann dazu führen, dass auch Stadtbienen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln eintragen. Mit Schwermetallen und Schadstoffen aus dem Abgas waren die Stadt- und Landhonige gleichermaßen belastet. Beruhigend ist jedoch, dass in keinem Fall Höchstgehalte überschritten wurden.

Prof. Dr. Werner von der Ohe

leitete von 2000 bis 2021 das LAVES Institut für Bienenkunde in Celle. Seine Arbeitsschwerpunkte waren Bienenprodukte, insbesondere Honig, sowie Bienenpathologie und Bienenphysiologie. Er ist in diversen Gremien engagiert, so war er auch 14 Jahre Vorsitzender der AG der Institute für Bienenforschung e.V.

.

Digitale Ausgabe bienen&natur

Holen Sie sich noch mehr wertvolle Fachinfos.
Lesen Sie weiter in der digitalen bienen&natur !

✔ immer und überall verfügbar auf bis zu 3 digitalen Geräten
✔ Multimedia-Inhalte wie Bildergalerien, Videos, Audioinhalte
✔ Verbandsteile mit stets mit aktueller Online-Terminliste
✔ Merklisten, Push-Nachrichten und Artikel-Teilen