Mit AUDIO-Interview

„Den Ernst der Lage noch nicht begriffen“

Am Vion-Schlachthof Standort Emstek gab es vergangene Woche 61 Erstinfektionen mit dem Coronavirus. Die Schlachtungen wurden um ca. 50 % auf 7.000 Schweine pro Tag reduziert.

Bernd Terhalle hat in seinem Berufsleben schon viele schwierige Zeiten erlebt: langanhaltend katastrophale Preise, bei denen auf den Betrieben richtig Geld verbrannt wurde, oder die Schweinepest mit massenhaften Keulungen gesunder Tiere. Aber die derzeitige Situation ist für ihn nicht vergleichbar: „Viele haben den Ernst der Lage überhaupt noch nicht begriffen“, sagt er zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen und „Lösungsvorschlägen“, die angesichts der schon jetzt übervollen Ställe keine wirkliche Entlastung bringen würden.

Bernd Terhalle

Enormer Rückstau

Terhalle ist Geschäftsführer der emsländischen Erzeugergemeinschaft für Qualitätsvieh Hümmling. Diese vermarket pro Jahr gut 1 Mio. Schlachtschweine und nicht viel weniger Ferkel, rund 850.000 waren es 2019. Das sind pro Woche etwa 16.000 Ferkel und 20.000 Schlachtschweine. Und bei beidem gibt es einen deutlichen Rückstau – genauso wie bei anderen Vermarktern. Der Stau hat sich langsam aufgebaut, angefangen mit den ersten Corona-bedingten Schlachthofschließung in Nordrhein-Westfalen im Juli, dann folgten die reduzierten Schlachtmengen an allen Schlachthöfen durch Corona-Vorsichtsmaßnahmen.

Nach dem vergangene Woche zunächst verhängten Schlachtverbot für Weidemark in Sögel hat der Landkreis Emsland am Wochenende zugestimmt, dass ab Montag dort zumindest wieder 5.000 Schweine pro Tag geschlachtet werden können – mit strengsten Hygieneauflagen. Vorher wurden 18.000 Schweine pro Tag geschlachtet. Schweinehalter hatten vergangene Woche eine Demo in Meppen vor dem Kreishaus organisiert, aber auch Tönnies als Betreiber hatte gegen die Schließung rechtliche Schritte eingeleitet.

Bei Vion in Emstek musste die Schlachtmenge infolge von Corona-Infektionen bei Mitarbeitern auf 7.000 Tiere pro Tag zurückgefahren werden, sonst sind es weit über 10.000. „Das ist natürlich besser als gar nichts, aber der Stau an Tieren wird immer noch dramatisch größer“, sagt Terhalle. Es kommen immer noch mehr Schweine dazu, als vermarktet werden können.

Drei Wochen Wartezeit

Die Mäster seiner EZG müssen nach Anmeldung ihrer Schlachtschweine aktuell bis zu drei Wochen warten, bis ihre Tiere abgeholt werden. Dass die Schlachtgewichte da häufig die 100 kg-Marke überschreiten, ist klar. Um den Schaden etwas abzumildern, wurde die EZG- eigene Abrechnungsmaske in der Gewichtsobergrenze um 3 kg angehoben. Aber über die Bezahlung wird derzeit nicht diskutiert, jeder sei nur froh, wenn die Schweine abgeholt werden.

Seines Erachtens bringt der Vorschlag, an Sonn- und Feiertagen Schlachtungen zuzulassen, nicht viel Entlastung: „Den Schlachthöfen fehlt doch das Personal für Extraschichten“, weiß er. Diese Einschätzung teilt Heiko Plate vom Vermarkter VzF Uelzen. Plates Vorschlag: Es müssten zusätzliche Arbeitskräfte aus Osteuropa angeworben werden, damit die Schlachtmengen wieder erhöht werden können. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, ISN, bezifferte die fehlenden Schlachtkapazitäten mit derzeit etwa 200.000 Schweinen pro Woche.

Doch wo und wie sollen die geschlachtet werden? Vion teilte auf Anfrage mit, dass an allen anderen Standorten an der derzeit möglichen Kapazitätsgrenze gearbeitet werde. Die personelle Lage lasse auch keine zusätzlichen Schichten am Wochenende zu. So können alle Lieferanten in Emstek derzeit nur etwa 50 % ihrer üblichen Mengen bringen. Auch an den niederländischen Schlachtstätten von Vion gebe es keine freien Kapazitäten. Und die Schlachtmengen in Deutschland könnten auch nur so gehalten werden, weil intern die Zerlegung umgesteuert werde. Bei den anderen Schlachthöfen dürfte die Situation nicht viel anders sein.

Betroffen von den reduzierten Schlachtmengen sind längs auch die Ferkelerzeuger. „Im Flatdeck wird zu wenig Platz noch viel schneller problematisch als im Maststall, es kann dann schnell Beißereien etc. geben,“ weiß Terhalle. Da in seiner EZG sowohl Ferkelerzeuger als auch Mäster Mitglieder sind, gibt es derzeit eine klare Ansage: Wer als Mäster sofort Ferkel wieder einstallt, wird bevorzugt bei der Abholung der Schlachtschweine. „Wir müssen das so handhaben, anders geht es nicht,“ sagt er – und räumt ein, dass nicht alle Mäster dieser Meinung sind. Da gibt es auch mal harte Worte in diesen Tagen das bleibt aber die Ausnahme, viele Mäster haben dafür Verständnis. Zugute kommt den Erzeugergemeinschaften – auch seiner – heute jedoch, dass es zu einem großen Anteil feste und langjährige Ferkelerzeuger-Mäster-Direktbeziehungen gibt – wo aktuell Solidarität gelebt werde.

Kapazität muss hoch

Das reicht aber natürlich nicht, den Stau aufzulösen. Laut ISN gehen die Ferkelimporte schon etwas zurück, aber auch da gibt es langfristige Verträge mit Ferkelerzeugern in Dänemark oder den Niederlanden, die einzuhalten sind. Das Einzige, was nach Auffassung von Terhalle hilft, ist, die Kapazitäten der Schlachthöfe wieder hochzufahren – natürlich unter Beachtung der nötigen Corona-Vorsichtsmaßnahmen. Momentan ist das jedoch nicht zu erkennen. Die ISN meldete vergangene Woche schon einen Anstieg bei den Sauenschlachtungen. Aber weniger Besamungen, wie auch Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast sie forderte, kommen frühestens in einem halben Jahr mit weniger Ferkeln und in einem dreiviertel Jahr mit weniger Mastschweinen zum Tragen. Das ist eine lange Zeit und das sind noch viele Schweine, die bis dahin geschlachtet werden müssen. Daran, dass es Nottötungen geben könnte, will auch Bernd Terhalle (noch) nicht denken.

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