HAUS & HOF

Plattkekse mit Opas Sprüchen

Bilingual aufgewachsen, also mit Platt- und Hochdeutsch, ist Vera Buschmann prädestiniert für einen Laden rund ums Platt.

Moin un hartlik willkommen in d´plattste Geschäft in heel Oostfreesland“ – steht auf dem schmalen altrosafarbenden Haus von 1703 mitten in der Altstadt von Leer. Es soll so viel heißen wie: „Moin und herzlich willkommen im einzigen Geschäft in Ostfriesland, wo es ausschließlich Artikel in Anlehnung an die plattdeutsche Sprache zu kaufen gibt“. Hineingetreten in den 30 Quadratmeter großen Laden begrüßt einen als erstes Percy, der Labrador der Laden-Inhaberin, mit einem freundlichen Blick und stoischer Ruhe.

Im Oktober vergangenen Jahres hat Vera Buschmann ihren schnuckeligen Laden „plattgemacht“ eröffnet. „Wir haben uns gleich darin verliebt“, sagt sie und berichtet, wie alles anfing. Eine Familientradition an Neujahr brachte sie auf ihre Geschäftsidee. „Opa backt dann für alle Rullerkeks (Neujahrskuchen) und rollt den Teig auf“, erzählt sie lachend: „Und Opa ist so ein toller Sprücheklopfer“. An die 250 davon könne er zum Besten geben, natürlich immer in dem für Ostfriesland typischen Plattdeutsch. Daraufhin brachte die Enkelin Gebäck und Sprüche zusammen und der Plattkeks war geboren: Ein Glückskeks mit plattendeutschen Weisheiten aus Opas Fundus, den er während seiner Zeit auf See angesammelt hatte.

Geschmack von Neujahr

Viele Monate Vorlauf waren nötig, damit das benötigte Rezept für den Keks aus der heimischen Küche den Erwartungen entsprach. „Wir haben so lange an dem Geschmack getüftelt, bis er nach Neujahrskeks schmeckte“, erinnert sich Vera Buschmann. Eine von drei Großbäckereien in Deutschland mit einer entsprechenden Vorrichtung zum Backen von Glückskeksen übernahm dann die Produktion.

Erfahrungen im Bereich Marketing brachte die 30-Jährige schon mit. Doch nun kam die Herausforderung hinzu, einen Familienbetrieb zu gründen, der „den Kunden das Platt der Heimat wieder näherbringt“. Mit dieser Sprache ist Vera Buschmann aufgewachsen auf dem Dorf in einer der früheren Moorkolonien, dem Fehnland. „Unser Platt ist typisch für diese Region“, erklärt sie. Als Kind hat sie dort viel Zeit bei Oma und Opa verbracht. „Die hatten eine kleine Landwirtschaft, daher kommt meine Liebe zum Land“. Ein Spruch, in den Keksen lautet deshalb auch: „Mooigheit vergeiht, Hektar besteiht“– Schönheit vergeht, Hektar besteht. Auf der Rückseite steht immer der Spruch noch einmal in Hochdeutsch.

Platt gesprochen wurde auch im Kindergarten, wo sie „zweisprachig“ aufwuchs. Und wer in Ostfriesland mit den Menschen zusammentrifft, stößt heute allerorts noch auf die ostfriesische Mundart. „Es gibt noch Ältere hier, die sprechen gar kein Hochdeutsch“, weiß die Ladeninhaberin. Den Traditionen und den Menschen ihrer Heimat fühlt sie sich so sehr verbunden, dass sie sagt: „Ich würde hier nie wegziehen.“

Das spiegelt sich auch auf ihren Produkten wieder. Da gibt es den Plattkeks in unterschiedlichen Verpackungen mit typisch ostfriesischen Symbolen. Von den Motiven Teerose und blaue Windmühle über die Texte bis hin zum fertigen Design kommt alles aus der Hand der Firmeninhaberin. Weitere Artikel sind Post-Karten für verschiedene Anlässe, Emaille-Pins mit ausführlichen Schriften, das Bauernhof-Memo „Buurkeree“ zum spielerischen Erlernen der plattdeutschen Sprache, sowie ins Plattdeutsche übersetzte Literatur.

Nicht nur ein ideales Geschenk für interessierte Ostfriesen- und Landwirtskinder: Das Bauernhof-Memo „Buurkeree“ bringt Groß und Klein spielerisch die plattdeutsche Sprache näher.

Neu ins Programm kommt gerade ein Plattkeks mit einer Geschmacksnote in Sanddorn als Kontrast zum Wintergebäck. Auf Wunsch des „Seelter Buund“, der sich um den Erhalt der saterfriesischen Sprache bemüht, ist nun auch diese niederdeutsche Mundart im Plattkeks „Seelter Kouke“ verborgen. Damit es mit der plattdeutschen Schreibweise seine Richtigkeit hat, gehen die Texte an das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft, dem Kommunalverband für Kultur, Wissenschaft und Bildung. Dort wird vor dem Druck alles noch einmal überprüft.

Familiäres Firmen-Boot

Ideen-Schmiede, Verkaufsraum, Büro und Vertriebsstätte, alles spielt sich in dem kleinen Laden ab, der in Eigenleistung renoviert wurde, was ihm eine besondere Atmosphäre verleiht. Zurzeit arbeitet hier auch Julia, die ein Praktikum für ihren Bachelor-Abschluss macht. Mit im Firmen-Boot sitzt noch Lauritz Hinrichs, der Verlobte von Vera Buschmann, der dort einspringt, wo er gebraucht wird. Bruder Ingo Buschmann kümmert sich nebenbei um den Online-Shop. „Mama hat gerade angefangen und wird die Stütze in der Urlaubssaison sein“, erzählt die Gründerin. „Sie ist im Vertrieb tätig und ruft die Hotels und Restaurants an. Die legen die Glückskekse auf ein Kissen oder als Beigabe zum Essen auf die Teller.“

Gewerbliche Aufkäufer sind zudem Edeka und der regionale Lebensmittelhändler Multi. „Der gehörte zu den ersten Abnehmern und hat in der Corona-Zeit eigentlich das Weihnachtsgeschäft aufgefangen“, so Vera Buschmann. Inzwischen läuft das Geschäft mit den Plattkeksen sehr gut, rund 300.000 Stück wurden seit der Gründung verkauft. Auch wohl, weil der Online-Shop von Anfang an mit am Start war.

Und die Marketing-Fachfrau blickt schon weiter nach vorn und freut sich auf die Touristen in der Altstadt in Leer, deren Kaufverhalten sie schon kennt. Für sie sei es interessant, die Sprache über ein traditionelles Gebäck kennenzulernen. Und der kleine schmucke Laden tut sicher sein Übriges dazu.

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