Frühwarnsystem soll installiert werden

Putenmastställe sind in unserer Region in erster Linie Offenställe, luftgetragene Viren haben es hierbei naturgemäß leichter einzudringen als in geschlossene Ställe.

Teilen Sie die Meinung des Friedrich Loeffler-Instituts, dass wir hier auf Dauer mit dem Geflügelpesterreger leben müssen?

Grundsätzlich sehen wir das auch so. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der verweilenden Zugvögel hier deutlich zugenommen. Dadurch steigt das Risiko in unserer Region, dass das Geflügelpestvirus in Geflügelhaltungen eingetragen wird. Zugvögel, die zum Sommer nach Nordosten ziehen und zum Herbst wieder nach Südwesten, nehmen je nach Wetterlage entweder eine Route über den Balkan oder eben über den Nordwesten Europas, also auch über Niedersachsen. Nordwesteuropa scheint durch die Tiefebene und die Küstennähe sehr attraktiv zu sein für Zugvögel. Die milden Winter fördern außerdem den Verbleib der Zugvögel hier vor Ort, bei kalten Wintern würden sie eher weiter in Richtung Südeuropa oder Nordafrika ziehen.

Die Tierseuchenkasse und die Veterinärämter haben den Geflügelhaltern ein inzwischen sehr gutes Biosicherheitsmanagement attestiert. Trotzdem gab es Einträge. Wo können die Betriebe sonst noch ansetzen?

Viele Betriebe haben nach dem Pestgeschehen 2016/2017 in erheblichem Maße in die Biosicherheit investiert. Derzeit befassen sich im NGW (Landesverband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft) Arbeitsgruppen mit der Aufarbeitung des aktuellen Pestgeschehens. Überwiegend betroffen waren ja Putenställe, das sind in der Regel Offenställe. Wir prüfen, wo wir dabei ansetzen können, Viruseinträge zu vermeiden. Eingebunden sind Experten für Stalleinrichtung und Lüftungstechnik. Es werden alle Abläufe in der Produktionskette auf den Prüfstand gestellt, um mögliche Eintragsquellen zu finden. Eine Master-Studentin wird nahezu alle betroffenen Putenbetriebe in den Landkreisen Cloppenburg und Oldenburg mit ihren individuellen Stall- und Managementsystemen erfassen. Davon erhoffen wir uns weitere Erkenntnisse.

Außerdem wird die Putenwirtschaft ein Frühwarnsystem zur schnelleren Erkennung von Influenza-Viren installieren. Je schneller wir wissen, dass das Geflügelpest-Virus in der Region angekommen ist, desto früher kann gegengesteuert werden. Infizierte Geflügelbestände müssen schnell erkannt werden, weil sie schon früh sehr viel Virusmaterial ausscheiden, bevor eine Klinik überhaupt sichtbar wird.

Die hohe Dichte an Ställen in den Gemeinden Bösel und Garrel wird vielfach kritisch gesehen vor dem Hintergrund, dass das Virus über die Luft weitergetragen wird. Wie sehen Sie das?

Die im aktuellen Geschehen gefundenen hochpathogenen Geflügelpestvarianten H5N8, H5N5 und H5N1 hatten eine hohe Infektiosität. Die Witterungsumstände im Winter, nasskalt und teilweise stürmisch, begünstigen eine Virusübertragung über die Luft. Diese Vermutung hatten wir schon beim Geschehen 2016/2017. Die hohe Dichte an Putenställen kann die luftgetragene Übertragung von Stall zu Stall fördern, insbesondere bei stürmischen Winden.

Sind auf Dauer andere Ställe oder andere Lüftungssysteme eine Lösung?

Es hat aktuell in erster Linie offene Geflügelställe getroffen, weil diese Stallform typisch ist für Putenställe. Das sind eigentlich die Ställe, die in Bezug auf Tierwohl gewünscht sind. Seuchenhygienisch sind allerdings geschlossene Ställe mit Zwangsentlüftung von Vorteil und weniger gefährdet. Das Virus hat es schwerer, einzudringen. Aber beim aktuellen Seuchenzug waren auch geschlossene Ställe betroffen. Deshalb werden mögliche Änderungen im Lüftungssystem sowohl bei Offenställen als auch bei zwangsentlüfteten Ställen geprüft.

Ist eine Reduzierung der regionalen Tierdichte eine Überlegung?

Eine pauschale Reduzierung der regionalen Tierdichte halten wir für den falschen Ansatz. Wer soll denn festlegen, wer zukünftig über die Wintermonate noch einstallen darf und wer nicht? Es gibt viele Beispiele dafür, dass sich das Virus in Regionen mit hoher Geflügeldichte nicht verbreiten konnte. Diesen Ansatz müssen wir uns zunutze machen. Ggf. ist eine Überlegung, offene Putenställe für andere Geflügelarten umzubauen. Dafür benötigen wir aber Baugenehmigungen. Desweiteren ist bei einem sich anbahnenden Vogelgrippe-Geschehen in den Regionen mit hoher Geflügeldichte zu prüfen, ob schon vor dem ersten Eintrag Mastpartien früher ‚herausgeschlachtet‘ werden können.

Dieter Oltmann

Wie sehen Sie den Ansatz der Tierseuchenkasse, die enormen Kosten eines Pestgeschehens künftig stärker nach dem Verursacherprinzip zu verteilen?

Das Tierseuchenkassensystem basiert ursprünglich auf dem Solidarprinzip. Alle Tierhalter zahlen Beiträge, im Schadensfall werden betroffene Tierhalter entschädigt. Die Tierhaltung hat sich immer weiter spezialisiert, dementsprechend auch das System der Tierseuchenkasse. Es gibt heute mehrere Haushalte innerhalb der Tierseuchenkasse. In der Geflügelwirtschaft gehen die Meinungen auseinander.

Es gibt Befürworter des Solidarprinzips, die sagen, dass die Allgemeinheit, hier also die Geflügelhalter, sich weiterhin an den Kosten der Seuchengeschehnisse beteiligen sollte. Es gibt aber auch die Meinung, dass nur das Verursacherprinzip anzuwenden sei. Der Solidargedanke hängt sicher auch davon ab, wie groß bzw. klein die Gruppe der Verursacher der Kosten ist. Wenn die wirtschaftliche Situation gut ist, wird die Bereitschaft zur Solidarität sicher größer sein. Derzeit haben wir leider keine gute wirtschaftliche Situation in der Geflügelhaltung.

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