mit BILDERGALERIE

„Schöne Kühe will man auch zeigen“

Jürgen Holsten mit Helge, Nathalie Wilkens mit Contess (Mitte) und Janina Wiegratz mit Schwan.

Gleich mit fünf Tieren nimmt Jürgen Holsten am Videowettbewerb der German Dairy Show teil. „Wenn man schöne Kühe hat, will man die auch zeigen“, erklärt der Landwirt aus Fischerhude im Kreis Verden. Dazu gab es in den vergangenen Monaten weniger Möglichkeiten als sonst, denn viele Tierschauen sind wegen Corona ausgefallen. Besonders schmerzlich war für Holsten die Absage der Tarmstedter Ausstellung. „Nach Tarmstedt fahren wir jedes Jahr mit unseren schönsten Tieren. Das ist unser Urlaub“, ist er sich mit seiner Lebensgefährtin Janina Wiegratz einig.

Ersatz für Tarmstedt

Der Videowettbewerb ist der persönliche Ersatz für Tarmstedt für die beiden und für Natalie Wilkens, die die Kühe auf den Videos vorführt. Sie hilft seit drei Jahren regelmäßig auf dem Betrieb aus. Die 19-jährige ist im zweiten Lehrjahr der Landwirtsausbildung und kam ursprünglich auf den Betrieb, um Holsten bei der Tarmstedter Ausstellung zu unterstützen. Weil die Zusammenarbeit gut klappte, hilft sie mittlerweile, die Kälber führig zu machen, führt Kühe auf Tierschauen vor und hat schon an verschiedenen Jungzüchterwettbewerben teilgenommen – unter anderem im vergangenen Jahr am Online-Jungzüchterwettbewerb von Masterrind. Dadurch hatte der Betrieb schon erste Erfahrungen mit dem Videoformat und für Holsten war klar, „wenn Natalie Lust hat, dann machen wir das.“

Der Züchter hat auch schon mehrfach Kühe bei der Schau der Besten präsentiert. Bei der Oldenburger Rinderschau ist der Videowettbewerb seine Premiere. Das digitale Format hat für ihn den Vorteil, dass die Teilnahme mit wenig Aufwand verbunden ist – ohne Anfahrt und mit weniger Stress für die Tiere. Dazu kommt, dass seine Kühe menschenbezogen und von klein auf an das Führen am Halfter gewöhnt sind, sodass es ohne große Vorbereitung möglich war, gleich fünf Tiere vorzuführen. Was Holsten an der Tierschau vor Ort vermisst, ist allerdings der Austausch mit den Kollegen: „Man trifft fast immer die gleichen Leute, man kennt sich und hat was zu schnacken – das fehlt einfach.“

Der Betrieb

  • 10 ha Grünland
  • 10 ha Acker (Ackergras, Mais, Getreide, Kartoffeln, Blühflächen)
  • Kartoffeln und Eier (70 Hühner) zur Direktvermarktung
  • 24 Kühe und 55 Tiere zur weiblichen Nachzucht
  • Vermarktung als tragende Rinder und als abgekalbte Färsen

Zucht liegt in der Familie

Die Zuchtbegeisterung hat der Landwirt von klein auf von seinem Vater übernommen. Im Familienalbum ist er schon als kleines Kind mit Kühen am Halfter zu sehen. Trotzdem hätten sich seine Eltern gewünscht, dass er einen anderen, weniger arbeitsreichen Beruf ergreift als den des Landwirts. „Er sollte es besser haben als wir“, blickt seine Mutter Gerda Holsten heute zurück. „Er hat uns den Gefallen getan und Maschinenbau gelernt, sogar den Meister gemacht. Aber dann kam doch die Landwirtschaft.“ Holsten übernahm den elterlichen Betrieb 1990 als Nebenerwerbsbetrieb mit zwölf Kühen im Anbindestall und einer kleinen Direktvermarktung. Der Übergang zum Vollerwerb verlief schleichend. Anfangs arbeitete er parallel als Maschinenbauer, später nur noch auf 450 Euro-Basis. Seit dem Stallbau 2009 mit der Aufstockung auf zirka 20 Kühe mit weiblicher Nachzucht reicht das Betriebseinkommen für eine Person im Vollerwerb.

Den Betrieb weiter zu vergrößern, war laut Holsten nie ein Thema. Ihm war immer wichtig, nur so weit zu wachsen, wie seine eigenen Flächen es erlauben, sodass er ohne wirtschaftliche Verluste jederzeit aus der Landwirtschaft aussteigen könnte.

Die Kühe haben möglichst ganzjährig Weidegang. Rund um den Tiefstreustall gehören zehn Hektar Fläche zum Betrieb.

Stallbau als Lebenstraum

Den ausgesiedelten Tiefstreustall bezeichnen Holsten und Wiegratz als Herzensprojekt und Lebenstraum. Auf zehn Hektar Weidefläche rund um den Stall haben die Kühe möglichst ganzjährig Weidegang. Vom Frühjahr bis in den Spätherbst wird nur wenig zugefüttert. Das GVO-freie Futter kommt vollständig vom eigenen Betrieb. Neben Heu erhalten die Kühe eine Ration, die jeweils zur Hälfte aus Mais- und Grassilage besteht, sowie Kraftfutter nach Leistung im Melkstand.

Die Milchleistung liegt bei 9.890 Litern (4,59 % Fett, 3,43 % Eiweiß). In diesem Jahr wurde die dritte 100.000 Liter-Kuh ausgezeichnet. Allerdings sieht Holsten einen Vorteil seines kleinen Betriebs mit Weidehaltung darin, dass es nicht ganz so wichtig ist, „den letzten Liter Milch mitzunehmen“. In der Zucht achtet er mehr auf Inhalt als auf Menge. Schon sein Vater setzte bei der Bullenauswahl vor allem auf Inhalt, um die Menge bestmöglich über das Futter zu steuern. Wichtig für Holsten ist auch die Exterieurbeurteilung. Auf dem Betrieb stehen drei Exzellent-Kühe. Färsen haben im Durchschnitt eine Bewertung von 84 Punkten, Kühe ab der dritten Laktation 89 Punkte.

In Kuhfamilien denken

„Wir wollen langlebige, hübsche Kühe züchten“, fasst der Züchter seine Zuchtziele zusammen. Beides gehe miteinander einher, da Kühe ohne gute Euter und Fundamente nicht alt werden. „Eine Kuh muss Stärke haben, sie darf nicht dürr sein, aber auch nicht verfetten. Sie braucht gute Beine, ein gutes Euter und muss leichtkalbig sein.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist für ihn die Stoffwechselstabilität. Die Kühe sollen eine hohe Grundfutterleistung erbringen und auch mit Schwankungen in Futterangebot und -qualität zurechtkommen. Das habe sich in den vergangenen Dürrejahren ausgezahlt, da die Kühe ohne Futterzukauf kaum an Leistung nachgelassen haben und gegenüber Hitzestress vergleichsweise robust sind. Eine hohe Lebensleistung gehört ebenfalls zu den Zuchtzielen. Dafür spricht die durchschnittliche Nutzungsdauer von 85,3 Monaten.

„Wir wollen langlebige, hübsche Kühe züchten.“

Jürgen Holsten

Holstens oberstes Ziel in der Zucht ist, die eigenen Kuhfamilien zu vermehren, die zum Teil seit der Nachkriegszeit zum Betrieb gehören. „Wir denken in Familien. Diese Familien bringen die entsprechende Leistung, kommen mit den Bedingungen hier zurecht und haben gute Euter und Beine. Das ist uns wichtig bei der Entscheidung, welche Tiere wir behalten – auch wenn das bedeutet, ein Tier abzugeben, das den Zahlen nach mehr Potenzial hat.“

Im Mittelpunkt stehen die H- und die S-Familie, wobei Letztere als rotbunte Familie aus der H-Familie entstanden ist. Mit ihr ist Holsten schon früh in die Rotbuntzucht eingestiegen und auch heute sind 13 der 24 Kühe rotbunt. Mittlerweile ergänzen sich das „Denken in Familien“ und genomische Untersuchungen. Alle weiblichen Tiere sind genomisch getestet. Die Ergebnisse erleichtern laut Holsten die Selektion und geben Aufschluss über die passende Belegung sowie Stärken und Schwächen der Tiere.

Das Besondere suchen

Bei der Besamung setzt Holsten zu 75 Prozent auf weiblich gesextes Sperma. Wichtige Faktoren bei der Bullenauswahl sind Inhaltsstoffe und Exterieur, aber der Bulle sollte „alles ein bisschen können“. Und Holsten setzt gerne auf Bullen, die nicht jeder hat. „Je kleiner ein Betrieb ist, desto mehr muss man das Besondere suchen. Das Ziel ist, das im Stall zu haben, was andere nicht haben.“

Die Vermarktung der Tiere läuft in der Regel ab Hof, vermittelt über Masterrind. Das Ziel ist es, möglichst alle Tiere als abgekalbte Färsen zu verkaufen. Dafür reichen die Aufzuchtplätze allerdings nicht immer aus, sodass einzelne Tiere als tragende Färsen abgegeben werden.

Helge ist mit sieben Laktationen Holstens ältestes Tier. Sie war zweimal bei der Schau der Besten und viermal in Tarmstedt.

 

Beim Videowettbewerb zeigt Holsten die Färsen Ronja, Silber und Schwan. Außerdem ist mit Helge sein ältestes Tier mit sieben Laktationen zu sehen. Sie war bereits zweimal bei der Schau der Besten und viermal in Tarmstedt. Hybride (dritte Laktation) stammt aus der gleichen Familie. Auch sie war schon in Tarmstedt und belegte im vergangenen Jahr mit Natalie Wilkens den dritten Platz beim digitalen Jungzüchterwettbewerb.

Obwohl Holsten seine Tiere gerne zeigt, ist sein Ziel weniger der Sieg als die Teilnahme. „Den Videowettbewerb haben wir für uns gemacht, weil wir da Lust zu hatten“, erzählt er. Und auch sonst ist für ihn die größte Motivation der positive Zuspruch von anderen Züchtern. „Obwohl wir nur so wenige Tiere haben, können wir jedes Jahr einige Tiere zeigen. Da sind immer zwei oder drei dabei, bei denen man hört ´Das ist aber eine schöne Kuh´. Das ist unser Ansporn.“

 

German Dairy Show digital

Beim Videowettbewerb der German Dairy Show können Sie noch bis 1. August Ihre Favoriten wählen. Zur Auswahl stehen 140 Videos von Kühen der Rassen Jersey, Rotvieh/Angler, Holstein, Braun- und Fleckvieh. Die Holsteinkühe treten in den folgenden Kategorien an:

  • Färsen (26 Videos)
  • Jung (zweite Laktation, 16 Videos)
  • Mittel (dritte und vierte Laktation, 27 Videos)
  • und Alt (ab der fünften Laktation, 12 Videos)

Zur Abstimmung gelangen Sie unter www.rind-schwein.de/brs-rind/gdsdigital-holstein.

 

 

 


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