DORFLEBEN

Unverpackt unterwegs

Anja Broekhuis-Wölfle verkauft aus ihrem „Villimobil“ Waren nur unverpackt. Süßigkeiten gibt es somit auch nur als lose Ware.

Der angenehme Duft einer Würzmischung strömt in die Nase. Anja Broekhuis-Wölfle füllt für die erste Kundin 20 g von dem Feta-Gewürz aus einem Glas mit Schraubdeckel Löffel für Löffel in eine winzige Papiertüte. Pünktlich um 11 Uhr hat sie auf dem Parkplatz der Gaststätte Byknüver in Schüttorf im Emsland ihren Verkaufswagen geöffnet. Nacheinander kommen hier nun Frauen vorbei. Sie stellen ihre mitgebrachten Behälter auf die Ladentheke und lassen sie mit Nudeln, Mehl und Müsli füllen. Sie sind hier, um das besondere Angebot am „Villi-Mobil“ zu nutzen, das die Ware lose zum Verkauf anbietet.

„Unverpackt“ lautet das Geschäftsmodell der 44-Jährigen. Unter diesem Begriff wurde 2014 in Kiel der erste Unverpackt-Laden eröffnet. Heute gibt es in Deutschland schon rund 200 davon, die vor allem in größeren Städten zu finden sind. Hier wird auf Verpackungen bewusst verzichtet, um so Plastik und Müll einzusparen und nachhaltig zu wirtschaften. Dieser Gedanke war auch für die Mutter zweier Kinder der Antrieb, sich selbständig zu machen. „Viele belächeln Greta, aber ich habe gesagt, es muss ja jemand anfangen und gucken, wie wir mit unserer Umwelt und unserer Natur umgehen“, erzählt Anja Broekhuis-Wölfle.

Verkaufstour über Land

Als dann noch aus einem geplanten Dorfladen in der Region nichts wurde, war für sie die Gelegenheit günstig, die Lücke zu füllen. Da habe sie gesagt: „So etwas sollte es geben, aber ohne Verpackung, als Dorfladen auf Rädern.“ Und in den weiteren Überlegungen fiel der Entschluss, auch die Menschen in den ländlichen Regionen zu versorgen und ihnen zu ermöglichen, ihr neues Angebot zu nutzen. Denn mit Verkaufstouren über Land war sie schon vertraut. In ihrer Heimat in Oberschwaben hatte sie jahrelang damit Backwaren verkauft. Die Menschen schauten hinter den Gardinen hervor und eilten mit ihren Taschen oder Körben herbei, wenn sie kam. „Das war eine schöne Erfahrung“, erinnert sich Unternehmerin. „Über die Liebe zu meinem Mann bin ich dann hierher gekommen, und wir haben uns hier niedergelassen.“

Überzeugt von ihrer Idee legte sie dann los. Zunächst wurde ein gebrauchtes Verkaufs-Fahrzeug für Backwaren gekauft, dass ihr Mann von Grund auf überarbeitete und auch den Motor austauschte. Neu in diesem Fahrzeug sind vor allem die Schütten, also Food-Spender, mit denen die Lebensmittel gleich in die mitgebrachten Gläser abgefüllt werden. Sie hängen in einer Reihe an der Seitenwand des Wagens. Zurück genommene Pfandflaschen und Gläser kommen in geschlossene Behältnisse, so sehen es die Hygiene-Vorschriften vor. Ein Logo mit dörflichen Motiven schmückt das erste Unverpackt-Fahrzeug für das Emsland, und es hat einen Namen bekommen: „Villi-Mobil“. Villi steht für die englischen Wörter village (Dorf) und fill (füllen).

Die Verpackung macht den Unterschied: Mitgebrachte Gläser und Behälter werden gewogen und mit loser Ware gefüllt.

Zuerst kam niemand

Die Gründerin war also gut vorbereitet, trotzdem konnte sie nicht wie geplant Ende August 2020 an den Start gehen. „Es war Corona“, berichtet sie. „Die Finanzierung hat sich hingezogen, mal war jemand im Home-Office und dann wieder im Urlaub.“ So konnte sie erst am 8. September zur ersten Verkaufs-Tour aufbrechen, ohne die Chance zu haben, ihr Unternehmen bekannt zu machen. „Die Eröffnung verlief still und leise, weil ich gar nicht wusste, wann es los geht.“ Diesen Nachteil spürte sie gerade in der Anlaufphase ihres Unternehmens. „Ich bin sechs- bis siebenmal über Land gefahren, es kam niemand“, erinnert sie sich. Und so möchte sie nun vor Ort die Menschen von ihrem Angebot überzeugen. Dabei bietet sie auch Präsentationen an, um die Kunden umfassender zu informieren.

Seit etlichen Wochen steht das „Villi-Mobil“ nun dienstags immer in Schüttorf. Sieben bis acht Standorte in Ortschaften und auf Wochenmärkten sind zurzeit im Umkreis von bis zu 40 km im Touren-Plan. Der größte Teil des Angebots umfasst lose Ware: verschiedene Sorten Nudeln, Mehle, Hülsenfrüchte, Gewürze und Salatkräuter. Das Müsli wird vor Ort in der gewünschten Mischung in das Glas gefüllt. Eier, Backwaren von einer kleinen Bäckerei und Pflegeprodukte können die Kunden hier erwerben. Silke Stolzenberg ist bereits Stammkundin. Sie lässt sich heute ein Glas mit Zahnputzpulver füllen. „Das Glas kommt aus einem Laden in Bielefeld“, erzählt sie. „Ich habe schon in Schüttorf nach einem Angebot gesucht und nun kann ich es wieder benutzen“. Mit Nischenprodukten wie den Teddy-Gummis aus Bio-Smooth-Masse, dem Zucker aus Birkenrinde (Zylit), oder dem Naturkaugummi möchte die Unternehmerin sich vom üblichen Angebot abheben. Bis zu 150 verschiedene Produkte umfasse manchmal ihr ganzes Sortiment, schätzt sie.

Wichtiges Gerät: Waage

Das einzige und zugleich das wichtigste technische Gerät im Verkaufswagen ist die Waage. Lose Ware muss vor dem Verkauf abgewogen werden. So kommt als erstes der mitgebrachte Behälter darauf, um das Gewicht festzustellen. Dann wird das Netto-Gewicht gesondert ermittelt. Am Schluss weist die Waage auch automatisch den Netto-Preis aus. Für die Käufer sei es auch von Vorteil, Lebensmittel in kleinen Mengen kaufen zu können, findet Anja Broekhuis-Wölfle. Zurückhaltend ist sie nur bei frischen Lebensmitteln, weil nicht immer alles verkauft werden kann. Ein Teil der Ware wird angeliefert. Dafür wurde ein Lagerraum angemietet.

Wo es aber möglich ist, bezieht sie ihre Ware aus der Region. Einige Landwirte liefern z.B. Milch, Kartoffeln, Käse und Mehl. Doch auch hier gewann sie neue Erkenntnisse und musste die eine oder andere Erwartung korrigieren. „Ich würde gerne mehr regionale Produkte von den Höfen verkaufen“, bedauert sie. „Aber hier stößt man schnell an seine Grenzen. Die Auflagen für die Landwirte sind hoch, und ich darf nicht alles weiterverkaufen.“ Aber die Unternehmerin ist kreativ und macht das Beste daraus. „ Das Mehl hole ich direkt vom Bauern ab und verbinde das mit anderen Lieferdiensten.“ Dabei stellt sie einer größeren Familie auch schon mal einen fünf Kilogramm umfassenden Papiersack mit Nudeln vor die Tür.

Dass sie ganz hinter ihrem Konzept steht und sich dafür einsetzt, zeigt auch ihre Homepage. Da werden die Kunden nicht nur über viel Text informiert, sondern können auch ihre Wünsche an die Betreiberin richten. So hat der Online-Shop nur die Aufgabe, eine Bestellung aufzunehmen. Die kann die Kundin dann fertig vorbereitet an einem Standplatz abholen. Diese Idee war aus der Not heraus geboren. „Wegen des dritten Lockdowns wollten die Leute nicht mehr anstehen.“ Noch finden nicht alle ihre Einfälle Anklang. Aber als sie auf Facebook um Stofftaschen bat, war sie erfolgreich. Eva Henie steht vor dem „Villi-Mobil“ und überreicht der Inhaberin einen Stapel Beutel in verschiedenen Größen. „Ich habe das gelesen“, erzählt sie. „Ich bin Raumausstatterin und nähe gerne.“ Gegen Pfand können die Kunden darin ihre Lebensmittel mitnehmen. Denn Unverpackt lautet ja das Motto des Unternehmens.

Unter diesem Begriff zeichnet sich schon seit einigen Jahren ein Trend ab. So haben sich inzwischen Besitzer von Unverpackt-Läden zu einem Verein zusammengeschlossen und einen Berufsverband gebildet, dem auch Anja Broekhuis-Wölfle sich angeschlossen hat. „Dort kann ich Infos abrufen, mich über Statistiken informieren und mit Kollegen austauschen“, freut sie sich. „Zu anderen Unverpackt-Läden sind tolle Kontakte entstanden, und weil ich keine großen Mengen an Ware brauche, kann ich sie mit anderen teilen.“

Unverpackt-Laden

Wohl auch dadurch motiviert, hat sie schon die nächsten Pläne in der Tasche. „Ich möchte hier in einer Stadt im Emsland einen Unverpackt-Laden eröffnen und bin ganz happy, weil ich einen guten Geschäftspartner gefunden habe“, kündigt sie an. Und ist im nächsten Schritt bei ihren Erinnerungen an eine schöne Zeit wieder angekommen: ihre ersten Verkaufs-Touren über Land. „Das ist mein Antrieb. Jetzt bin ich ja bekannter, da kann man das noch mal versuchen und an den Wochenenden mit dem „Villi-Mobil“ wieder losfahren.“ Vermutlich hat sie dann auch ein paar neue Ideen im Gepäck.

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