THEMA DER WOCHE

Labor-Fleisch fürs Klima

Sieht aus wie Hackfleisch, schmeckt wie Hackfleisch, ist aber im Labor entstanden.

Welche Trends und Entwicklungen werden in der kommenden Dekade den Ernährungssektor prägen – und welche Auswirkungen könnte das auf die Landwirtschaft haben? Zwei Experten in Niedersachsen, die sich intensiv mit diesen Themen beschäftigen, sind Achim Spiller, Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität Göttingen (lesen Sie dazu das Interview auf Seite 14) und Nick Lin-Ni, Professor für Wirtschaft und Ethik von der Universität Vechta.

Prof. Nick Lin-Ni sieht seit drei Jahren einen deutlichen Trend zur veganen Ernährung, insbesondere seit eine Vielzahl immer neuer pflanzenbasierter Fleisch- und Milchersatz-Produkte auf den Markt kommen. Der Beweggrund, sie zu konsumieren ist weniger die Nachhaltigkeit als der Gesundheitsaspekt. Man will auf tierische Produkte, nicht aber auf den Geschmack von Fleisch, Milchprodukten und Co. verzichten. Nick Lin-Ni: „Nachhaltigkeit allein reicht nicht aus, um die breitere Masse an Menschen zu einem anderen Konsum zu bewegen. Wir brauchen sogenannte Motiv-Allianzen: Nur mit einem zusätzlichen Nutzen – zum Beispiel Gesundheit – funktioniert es. Die breite Masse der Konsumierenden ist nicht bereit, im Namen von Nachhaltigkeit auf etwas zu verzichten oder einen höheren Preis zu bezahlen.“

Positiver Lebensstil

Ein weiterer wichtiger Treiber neben Nachhaltigkeit und Gesundheit ist das Image, die Reputation, so der Marktexperte. Vor zehn Jahren waren Veganer noch eine Randgruppe. Wer heute vegan isst, pflegt einen positiven Lebensstil, es ist anerkannt, akzeptiert, die Freunde machen es auch. Es sind insbesondere die jüngeren Jahrgänge, die hier aktiv mitmachen und sich bewusster ernähren: „Wir sehen bei den jungen Leuten von Fridays for Future, dass sie ein deutlich ausgesprägtes Nachhaltigkeitsbewusstsein haben und zudem bereit sind, neue Dinge auszuprobieren.“

Für den oft propagierten Insektenburger sieht der Wissenschaftler in unserem Kulturkreis trotz positiver Nachhaltigkeitsbilanz keine Marktchance. Durchaus interessant könnten Insekten im Futtermittelbereich sein. „Aber dieser Bereich wird zurückgehen, weil wir das Thema ‚kultiviertes Fleisch‘ auf den Tisch bekommen werden“, so Lin-Hi. Was wir bislang haben, sind pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte.

Zum Experten 

Nick Lin-Hi
Professor für Wirtschaft und Ethik an der Uni Vechta 

Nick Lin-Hi

Sackgasse Farm-to-Fork

Die neuen im Labor kultivierten Fleischprodukte seien keine Imitate, sondern echtes Fleisch, ein perfektes Substitut aus einem Bioreaktor. Es schmeckt, riecht und sieht genauso aus wie Huhn, Schwein oder Rind. Das Fleisch der Zukunft wächst im Bioreaktor. „Und zwar hocheffizient und ausgesprochen nachhaltig. Ich spreche hier über Produkte, die unter Optimalbedingungen bis zu 90 Prozent weniger Treibhausimmistionen verursachen, viel weniger Wasser- und Flächenverbrauch haben, keine Antibiotika benötigen und auch die Tierwohldiskussion fällt weg.“ Am Ende gebe es noch ein „Killerargument“: Das Produkt wird auch noch preisgünstiger sein.

Lin-Hi prognostiziert, dass alle Klimaschutzziele, die wir haben, mit der konventionellen Fleischerzeugung nicht zu erreichen sein werden. Entsprechend sieht er auch die Farm-to-Fork-Strategie kritisch. Selbst wenn tatsächlich 25 Prozent ökologische Landwirtschaft erreicht würden, blieben Zielkonflikte mit Ernährungssicherheit und Preisen. Lin-Hi: „Das ist eine Sackgasse.“ Auch bei den Empfehlungen der Borchert-Kommission ist er zurückhaltend. „Wenn Landwirte jetzt in Tierwohlställe investieren, ist das aufgrund der langen Amortisationszeiträume ökonomisch fragwürdig“, so der Experte. Die aktuelle Form der Nutztierhaltung bezeichnet er mit Blick auf das Fleisch aus dem Labor als Auslaufmodell.

Treibhauseffekt reduzieren

Derzeit ist die Landwirtschaft laut Experten für etwa 30 Prozent des Treibhausgaseffekts verantwortlich. Der ließe sich durch Reduktion des Fleischkonsums am effektivsten reduzieren. So fordert die „Eat Lancet Kommission“ den derzeitigen Pro-Kopf-Verbrauch von 60 auf 15 Kilo im Jahr 2050 zu reduzieren.

LEH

Mit der Erzeugung von Fleisch im Labor komme ein geradezu revolutionärer Innovationssprung, der die Landwirtschaft radikal verändern wird. Spätestens mit der Zulassung von kultiviertem Fleisch in Form von Chicken Nuggets Ende 2020 in Singapur wird deutlich, dass es hier nicht um Science-Ficiton geht, sondern um eine reale Entwicklung. Jüngst hat auch das kalifornische Unternehmen „Eat Just“ eine europäische Marktzulassung für pflanzenbasiertes Hühnerei bekommen.

Der Marktexperte ist davon überzeugt, dass solche Zulassungen radikale Veränderungen bringen werden. Und er geht davon aus, dass die Nutztierdichte in Niedersachsen dadurch erheblich runtergehen wird. Und das werde auch die vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten stark verändern.

„Das Schwein wird heute vollständig verarbeitet, und die Nebenprodukte werden in verschiedenen Industrien genutzt. Wenn das Fleisch in Zukunft ohne Schwein produziert wird, dann werden auch Alternativen für die heutigen Nebenprodukte notwendig. Auch Futtermittelhersteller, Veterinäre und Stallbauer werden seiner Einschätzung einen Großteil ihrer heutigen Geschäftsmodelle verlieren. Wichtig wäre, dass die Landwirtschaft bereits jetzt neue Geschäftsfelder entwickelt. Eine Möglichkeit ist der Anbau von Proteinpflanzen, mit denen Zellen im Bioreaktor „gefüttert“ werden können. Lin Hi schlägt vor: „Warum also nicht Hülsenfrüchte in Norddeutschland anbauen, wie zum Beispiel die Ackerbohne?“

DIE WEGWEISER 

Die Landwirtschaft wird sich in den kommenden Jahren verändern. Gesellschaftliche Anforderungen haben sich gewandelt und damit auch die politischen Rahmenbedingungen. Klima- und Naturschutz rücken zusammen mit Tierwohl und Artenschutz in den Fokus. 

LAND & FORST stellte die Frage, wie sich Landwirtinnen und Landwirte darauf einstellen können? Wir unterhielten uns mit Politikern, Unternehmen aus der Branche und Berufskollegen. Ihre Antworten, Ideen und innovativen Ansätze lesen Sie in der LAND & FORST-Serie „Die Wegweiser – Die Zukunft der Landwirtschaft“.

  • 44/2021: Was essen wir in Zukunft – wie wird das die Landwirtschaft verändern?
  • 45/2021: Welche Bedeutung hat die Agrarbranche für den ländlichen Raum in Niedersachsen?
  • 46/2021: Kommunikation und Verbraucher
  • 47/2021: Landwirtschaft und Gesellschaftschaft – Diskussionsrunde mit Experten

Rückblick

Oktober: Pflanzenbau, Klima und Umwelt

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