UNTERWEGS

Vergessene Orte vergangener Zeiten

Eine Wanderung zum verlassenen Dorf Lopau. Bitte hier entlang! Jedoch nur, wenn die Schranke geöffnet ist.

Was bewegt Menschen dazu, alte Abbruchgelände, Bauruinen, stillgelegte Straßen oder von Unkraut überwucherte Areale aufzusuchen? Wie findet man diese Plätze überhaupt? Und darf man so genannte Lost Places einfach betreten? Diese Fragen stellte ich mir, als ich mich zu meinem ersten Lost Place, einer Mühlenruine im Landkreis Nienburg, auf den Weg machte. Diese Ruine stand schon seit längerem auf meiner Liste der Zeitzeugen der Vergangenheit, die ich einmal besuchen wollte. Die Ruine steht in einem kleinen Waldstück unweit der Stadt Rehburg und ist zu Fuß gut erreichbar.

Auf dem Mühlenberg angekommen, stelle ich fest, dass von der einstigen Galerieholländermühle aus dem Jahr 1821 nicht mehr viel erhalten ist. Nur der achteckige Steinunterbau, der den Holzaufbau einst trug, überlebte den Blitzeinschlag im Jahr 1905. Ich versuche mir vorzustellen, wie unmöglich es für die damalige Bevölkerung gewesen sein musste, dieses Mühlenfeuer zu löschen. In einem Artikel des Stolzenauer Wochenblattes im Kreisarchiv der Stadt Nienburg vom 4. Juli 1905 finde ich Folgendes dazu: „Ein schaurig schönes Schauspiel war es, das Rehburg seines schönsten Schmuckes beraubte. Bis ans Meer waren die Wiesen von dem gewaltigen Funkenregen erleuchtet. Lange Zeit hielt der stolze Fachwerkbau stand, bis er endlich, eine gewaltige Lohe aufwirbelnd, krachend zusammenstürzte.“ Mit Respekt vor der Historie dieses alten Gemäuers, erblicke ich die Initialen von König Georg III im Schlussstein. Vor meinem geistigen Auge male ich mir aus, wie die Mühle vor 200 Jahren ihre Flügel geschwungen haben musste und wie viel Korn sie in ihrem Leben vermahlen haben mochte.

Moos, Unkraut und Regenwasser erobern sich das Areal des ehemaligen Neustädter Freibades zurück.

Stilllegung der B6

Mein nächster Anlaufpunkt ist die Bundesstraße 6 von Neustadt am Rübenberge, Fahrtrichtung Nienburg an der Weser. Diese wurde beginnend im Jahr 2005 zu einer vierspurigen Verkehrsstrecke ausgebaut. Dabei musste ein Teilstück des alten Verlaufs stillgelegt werden. Diesen von Bäumen gesäumten Straßenendpunkt, bekommen heute wohl nur noch Fahrradfahrer zu Gesicht, die den Radweg entlang des alten Verlaufs nutzen. Autofahrer sind hier fehl am Platz. Es ist eine Straße ohne Wendemöglichkeit, wie die Beschilderung unschwer zu verstehen gibt. Aus dem Straßenbelag sprießt Unkraut. Wie schnell das Leben an vergessenen Orten vorbeisausen kann. In allerlei fahrbaren Untersätzen hetzen Menschen tagtäglich von A nach B und die Historie liegt verlassen und still greifend nah.

Abseits der Bundesstraße 6 zwischen Neustadt und Nienburg erinnert ein Reststück der alten Fahrbahn an vergangene Zeiten.

Doch nun zu den „Regeln“ beim Aufspüren der vergessenen Ortes. Denn da gibt es einiges zu beachten. Allem voran: Umzäuntes Gelände ist tabu! Vorab muss man sich darüber kundig machen, wem das jeweilige Grundstück oder der jeweilige Besitz gehört, den man erkunden möchte. Eine Einverständniserklärung zum Betreten ist dabei unumgänglich. Anderenfalls käme das Betreten von fremden Grundstücken einem Hausfriedensbruch gleich. Für meine beiden ersten Lost Places war ich auf der sicheren Seite, da ich mich auf öffentlichem Grund und Boden befand.

Anders sieht die Sache bei dem im Jahr 2017 geschlossenen Freibad in Neustadt in der Region Hannover aus. Dieses Areal ist von einem Zaun umgeben. Das Betreten des Geländes ist verboten. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung halte ich das marode Schwimmbecken, die darüber thronende moosgrün-betongraue Rutsche und die Natur, die sich ihr Terrain zurückerobert im Bild fest und schaue mich interessiert um. Blauer Himmel und Sonnenschein sind hier das Einzige, was an einen von Badevergnügen und ausgelassener Stimmung erfüllten Ort erinnert. Das ist es wohl auch, was Abenteuerhungrige und Stadterkunder, sogenannte „Urban Explorer“, kurz Urbexer, bei ihren Erkundungstouren reizt. Einen Blick auf die Vergänglichkeit, den Stillstand und den Verfall wagen, all dieses als gegeben hinnehmen und sich von dem Charme des jeweiligen Ortes beeindrucken lassen. Auf diese Weise sind weltweit unzählige Entdecker unterwegs. Immer auf der Suche nach dem morbidesten Ort und dem besten Foto.

Lost Places-Safari

Wer sich nicht allein zu vergessenen Orten begeben möchte, kann mit geführten Touren eine sichere Variante wählen. So wird auf Schloss Bückeburg im Landkreis Schaumburg mehrmals im Jahr von Ostern bis Oktober eine Fotosafari zu „Lost Places“ im Residenzschloss angeboten. Unter fachkundiger Begleitung kann unter anderem der historische Weinkeller besichtigt werden. Dieser wurde schon für Filmdrehs, wie „Mata Hari und Mademoiselle Docteur“, mit den bekannten Schauspielerinnen Natalia Wörner und Nora von Waldstätten, genutzt. Doch es gibt noch mehr verwunschene Orte im Schloss. „Die alte Dienstwohnung des ehemaligen Schlossverwalters, die seit den 60iger Jahren im Dornröschenschlaf liegt, die Wohnung des Türmers und der Dachboden mit den Wohnungen der Bediensteten“, zählt der Leiter des Museums- und Führungsbetriebes, Stephan Guddat, auf. „Dort auf dem Dachboden gibt es Kammern, wie auf Downton Abbey und allerlei alte Tapeten, die sich von den Wänden lösen“, berichtet er.

Staub und kalte Raumtemperaturen gibt es inklusive, denn in den schaurig-schönen Räumen wird selbstverständlich weder geputzt noch geheizt. „Den Besuchern geht es um das Abenteuerfeeling. Um das Entdecken und die Exklusivität“, erklärt Guddat und berichtet von einem Erlebnis mit einem Paar, welches seine Hochzeitsreise nach Japan führte. Dort entdeckten sie einen besonderen „Lost Place“. Einen stillgelegten Freizeitpark auf der Insel Hokkaido, der einst Märchen der Gebrüder Grimm zeigte und in dem ein Nachbau des Bückeburger Schlosses vor sich hin wildert.

Vom Dachboden bis zum Weinkeller: Mehrmals im Jahr bietet das Schloss Bückeburg Fotosafaris durch verborgene Räume an.

Verlassenes Dorf

Doch nicht nur Einzelgebäude sind Lost Places. Der unbewohnte Ort Lopau im Heidekreis ist gleich ein komplett vergessenes Dorf. Die Frage nach dem „Warum“ drängt sich auf und ich forsche nach. Seit Anfang 1980 fällt Lopau in den Sicherheitsbereich des Truppenübungsplatzes Munster Nord, die Dorfbewohner wurden umgesiedelt und seitdem stehen die Wohnhäuser einsam und verlassen in der landschaftlichen Idylle der Lüneburger Heide. Trotz der Umnutzung durch die Bundeswehr lädt die Lage des Ortes auch heute noch zum Wandern ein. Aber hier ist oberste Vorsicht geboten! Nur wenn die Schranken geöffnet sind, darf die Umgebung betreten werden. Zusätzlich weisen Wandertafeln darauf hin, ob der Zugang frei ist. Die freigegebenen Wanderwege dürfen nicht verlassen werden. Bei geschlossenen Schranken wird auf dem Gelände scharf geschossen. Die Sperrzeiten für den aktuellen Monat können über die Homepage der Stadt Munster und der umliegenden Gemeinden eingesehen werden. Sicherheit geht auch hier vor Abenteuerlust.

Von der Gallerieholländermühle ist nur noch der achteckige Unterbau zu sehen, den Rest hat ein Feuer 1905 vernichtet.

In den vergangenen Jahren entstanden viele „Lost Place-Communities“, die sich die Suche nach verlassenen Orten zum Ziel gesetzt haben. Unzählige, teilweise bizarre Fotos, die die Verlassenheit auf den Punkt bringen und oftmals auch den Vandalismus dieser Stationen der Vergangenheit ungeschminkt präsentieren, geistern durch das World Wide Web. Zumeist ohne Ortsangabe, um eine Rechtsverletzung zu vermeiden, manchenteils mit Angabe der Koordinaten.

Schönheit des Verfalls

Wer noch tiefer in das Thema Lost Places in Niedersachsen eintauchen möchte, dem kann man nur den im September 2021 erschienenen Bildband „Verlassene Orte in Niedersachsen“ empfehlen.

160 detailverliebte Aufnahmen des Fotografen Daniel Boberg nehmen einen mit in die verlassensten Ecken Niedersachsens wie zum Beispiel ein verrottetes Waldkrankenhaus, ein verlassenes Hotel, eine seit 1967 leerstehende Ziegelei und entführen in eine vergessene, geheimnisvolle Welt mit morbidem Charme.

Beim Anblick der Fotos aus dem Wald der Puppen macht sich schlagartig Gänsehaut breit. Offene Plastik-Puppenaugen starren einen an, dieser Lost Place beschäftigte sogar schon die Polizei. Ähnlich gruselig sind die Aufnahmen der Kur-Klinik mit all ihren OP-Utensilien, verschmutzen Matratzen, vermülltem Schwimmbad und rumliegenden Patientenakten. Man riecht förmlich den Verfall und ist gleichzeitig fasziniert.
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  • Verlassene Orte in Niedersachsen, Lost Places - Die Faszination des Vergänglichen von Daniel Boberg, Sutton Verlag, Hardcover, 29,99 Euro ISBN: 978-396303-347-6
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