Interview

Hat Fleisch noch Zukunft?

Fleischgenuss steht zunehmend in der Kritik. Nicht nur Veganer rufen zum Verzicht auf. Ist das Steak ein Auslaufmodell?

Herr Dürnberger, wenn wir beide uns in 20 Jahren in Wien in einem Restaurant treffen, können wir dann noch ein echtes Wiener Schnitzel bestellen?

Alles andere würde mich verwundern. 20 Jahre sind nämlich im Grunde eine kurze Zeitspanne, wenn es um so etwas wie Traditionen rund ums Essen geht. Aber klar ist, dass wir gegenwärtig eine eindeutige Dynamik erkennen: Die Nutztierhaltung ist im Fokus gesellschaftlicher Debatten. Und es gilt nicht gerade als schick und elitär, zu sagen, dass man gerne und viel Fleisch isst. Im Gegenteil, viele Menschen geben an, dass sie aus Klima- und Tierschutzgründen versuchen, sich mehr und mehr pflanzenbasiert zu ernähren.

Also alles nur Mode und gesellschaftlicher Zwang? Oder doch ein langfristig unumkehrbarer Trend?

Wir werden dem Veganismus nicht gerecht, wenn wir ihn als „bloße“ Modeerscheinung abtun. Im Gegenteil: Menschen, die vegan leben, tun dies aus bewusster Entscheidung und haben es in einer Gesellschaft, in der tierische Produkte als normal gelten, nicht gerade leicht im Alltag. Noch allerdings leben verdammt wenige Menschen konsequent vegan, würde ich behaupten.

„Fleischscham“ scheint aber ein genereller Trend zu sein …

Fleisch wird gegenwärtig nicht mehr nur mit Genuss, sondern auch mit Fragen der Tierhaltung und der Klimakrise assoziiert. Meiner Wahrnehmung nach wollen auch die allermeisten Fleischesser das geschlachtete Tier „hinter“ dem Fleischprodukt lieber ausblenden. Früher hing die halbe Sau im Schaufenster beim Metzger, heute finden Sie dort Flyer über Nachhaltigkeit. Früher fand die Schlachtung noch im eigenen Hinterhof statt, heute geben die meisten Menschen an, dass sie nicht dabei zuschauen wollen oder können, wenn ein Tier getötet wird. Das entspricht der grundsätzlichen Dynamik unserer Gesellschaft, würde ich sagen: Nahezu alles, was an Gewalt und Sterblichkeit erinnert, wird ausgelagert.

Diesen „blinden Fleck“ nutzen Tierrechtler, um ihre Sicht auf die Nutztierhaltung mit entsprechenden Schreckensbildern zu verbreiten. Hat die Landwirtschaft eine Chance, da etwas entgegenzusetzen?

Die klassische Tierrechtsposition will die Nutztierhaltung nicht verbessern, sondern abschaffen. Daher ist es für Landwirte in der Regel schwer, mit diesen Gruppierungen in einen Dialog zu treten. Auch sind Landwirte keine PR-Profis, die gelernt haben, wie man Aufmerksamkeit für die eigene Perspektive erregt. Nichtregierungsorganisationen haben das hingegen perfektioniert. Dennoch: Wenn ein Bauer seiner besonderen Verantwortung für die Tiere nicht nachkommt und Gesetze bricht – sollte ich dann als Landwirt, der sich um seine Tiere bemüht, nicht froh darüber sein, wenn die Machenschaften dieses Kollegen aufgedeckt werden? Die Landwirtschaft versteht sich in diesen Dingen zu oft als Schicksalsgemeinschaft.

Viele Tierhalter haben das Gefühl, von der modernen Gesellschaft abgehängt zu werden. Können Landwirte den Verbraucheranforderungen überhaupt noch gerecht werden?

Wenn man sich anschaut, wie umstritten die Nutztierhaltung ist, könnte man meinen, dass Ackerbauern gesellschaftlichen Rückenwind spüren müssten – tun sie aber nicht. Auch sie haben das Gefühl, mehr und mehr kritisiert zu werden. Hier zeigt sich: Die Kluft zwischen Lebensmittelerzeugung und Konsum wird allgemein immer größer. Die Ansprüche steigen, das Wissen um die landwirtschaftliche Realität jedoch wird weniger und weniger. Der einzelne Bauer ist jedoch gut damit beraten, die Kritik und Wünsche ernst zu nehmen.

Was meinen Sie damit konkret?

Beispielsweise müssen wir alle auf die Klimakrise reagieren, und zwar sowohl beim Essen wie auch bei der Mobilität oder unserem Tourismus. Zugleich muss uns klar sein, dass Forderungen nur dort erfüllt werden können, wo ein Handlungsspielraum ist – und eben dafür müssen wir als Gesamtgesellschaft sorgen. Wir müssen uns die Frage stellen: Wollen wir überhaupt noch eine Landwirtschaft in unserem Land? Und wenn ja, welche?

Auf die Landwirtschaft im eigenen Land scheinen immer mehr Menschen zugunsten einer unberührten Natur verzichten zu wollen. Inwieweit ist das denn mit der Forderung nach mehr Nachhaltigkeit, mehr Klimaschutz und mehr Tierwohl vereinbar?

Ich glaube nicht, dass sich Menschen so sehr nach tatsächlich unberührter Natur sehnen. Sie sehnen sich eher nach Gegenden, in denen menschliche Eingriffe und Natur sich die Waage halten. Denken wir an Almen: Das sind landwirtschaftlich genutzte und gemachte Landschaften, aber sie erscheinen vielen Menschen als „Natur pur“. Die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit oder mehr Klimaschutz scheint mir da nicht im Widerspruch zu stehen, jedoch: Mit einer extensiven Landwirtschaft allein werden wir nicht die Nahrungsmittelversorgung hinbekommen, wie wir sie zurzeit haben. Überhaupt rate ich Zuhörern bei meinen Vorträgen oft, sie sollen mal versuchen, in Zeitungsartikeln „die Landwirtschaft“ mit „unser Essen“ zu ersetzen, damit man sich quasi wieder einmal daran erinnert, was Landwirtschaft eigentlich ist und macht.

In diesem Zusammenhang scheinen neue Technologien an Bedeutung zu gewinnen: Fleisch aus dem Labor, Pflanzen aus Vertical-Farming-Anlagen. Ist das unsere Zukunft? Wird dem Menschen das Natürliche in seiner Nahrung unwichtig?

Was wir als „natürlich“ ansehen, ist nicht in Stein gemeißelt. Das verändert sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Nehmen wir den Mais: Wenn man sich die Ausgangssorte des Maises ansieht, erkennt man, wie „unnatürlich“ diese Kulturpflanze eigentlich ist, sprich wie sehr sie vom Menschen beeinflusst ist. Dennoch gilt vielen Menschen der Mais als „Naturprodukt“. Es kann also sein, dass die jetzige Generation „Laborfleisch“ als eklig und unnatürlich ansieht – während unsere Urenkel dasselbe über „echtes Fleisch“ denken werden. Das ist durchaus denkmöglich.

Würden Sie selbst mit Appetit in ein Laborfleischschnitzel beißen? Oder in einen Insektenburger?

Insekten habe ich bereits in diversen Zubereitungen gekostet, Laborfleisch noch nicht. Würde ich mit Appetit hineinbeißen? Eher mit Neugier. Jedenfalls nicht mit Ekel. Ich für mich unterscheide hierbei auch zwischen einem „echten“ Stück Fleisch und hochverarbeiteten Produkten. Vielleicht fühlt es sich seltsam an, ein Steak aus dem Labor zu essen. Bei hochverarbeiteten Produkten weiß ich als Laie heute schon nicht mehr, was ich da wirklich esse. Was wir als normal auf unserem Teller ansehen, ist heute wie in Zukunft vor allem eine Frage der Gewohnheit. ●

Die klassische Tierhaltung muss sich also wohl auf Konkurrenz einstellen, auch bei den Fleischessern. Was raten Sie Landwirten, damit sie auch in Zeiten von neuer Ethik und Klimawandelanforderungen wettbewerbsfähig bleiben?

Ich muss von meiner eigenen Arbeit und meinem Produkt überzeugt sein: Mache ich meinen Job bestmöglich? Komme ich meiner besonderen Verantwortung für Tier und Umwelt nach? Und produziere ich ein gutes Lebensmittel? Wenn ja, habe ich als Landwirt so genannte „Sinnressourcen“, die es mir möglich machen, auch in turbulenten Zeiten zurechtzukommen. Damit soll aber nicht die Notwendigkeit politisch stabiler Rahmenbedingungen klein geredet werden: Als Landwirt werde ich nur dann Energie und Geld in meinen Betrieb investieren, wenn ich daran glaube, dass es sinnvoll weitergeht.

Ethik für die Landwirtschaft - Das philosophische Bauernjahr

Christian Dürnberger setzt sich in seinem 2020 veröffentlichten Buch mit dem angespannten Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft auseinander. Er gibt Landwirten Hinweise, wie sie ihren Kritikern auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam mit ihnen Lösungen entwickeln können.

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