Interview

Kampf gegen die Krise

Anne Dirksen berät Landwirtefamilien in finanzieller Not.

Welche Betriebe betreuen Sie in der sozioökonomischen Beratung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen?

Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich kommen derzeit auch viele Schweinehalter in unsere Beratung, aber es sind auch andere Betriebe betroffen. Vor allem stecken Betriebe in der finanziellen Krise, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen sind und dafür viel Fremdkapital aufgenommen haben. Das betrifft unter anderem auch einige Milchviehbetriebe, die ihren Bestand zum Teil verdoppelt haben und dafür in neue Ställe und Stalltechnik investiert haben. Gleichzeitig haben im Beispiel der Milchviehbetriebe die Erlöse die Kosten nicht gedeckt und die Betriebsmittelkosten sind gestiegen. Das führt über kurz oder lang in eine finanzielle Krise.

Wann kommen die betroffenen Betriebe zu Ihnen?

Eigentlich immer zu spät. Oft ist die finanzielle Notlage so groß, dass der Druck von allen Seiten wächst. Dieses Warten ist auch nur menschlich. Gerade als Betriebsleiter, der vor Kurzem investiert hat, um sich wirtschaftlich zu verbessern, hofft man ja immer, dass es vorangeht. Man arbeitet weiter, hält durch und möchte das Tal durchschreiten. Die Hoffnung, dass es besser wird, stirbt recht spät. Die betroffenen Landwirte stecken im Hamsterrad von Mehrarbeit, hohen Kosten und geringen Erlösen fest. Das Fatale daran ist, dass ein Hamsterrad von innen aussieht wie eine Karriereleiter.

Anne Dirksen

ist Leiterin des Arbeitsbereichs Familie und Betrieb, Sozioökonomische Beratung, Landwirtschaftskammer Niedersachsen.
E-Mail: anne.dirksen@lwk-niedersachsen.de

Gibt es Faktoren, die die finanzielle Krisensituation begleiten?

Ja, die finanzielle Krise wirkt sich auch auf andere Lebensbereiche aus. Meist bleibt es in solchen Krisen nicht beim finanziellen Druck, denn es leiden die menschlichen Beziehungen des Betriebsleiters. Vor lauter Arbeiten und Kampf, um aus der Krise herauszukommen, kommen soziale Kontakte und die Familie zu kurz. Das führt häufig zu noch mehr Druck. Oft ist die Familie auch nicht vollkommen über die finanzielle Situation des Betriebs informiert, denn das Thema ist nach wie vor mit sehr viel Scham besetzt.

Wie kommen die Betriebe zu Ihrer Beratung? Wenden sich beispielsweise auch Gläubiger wie Banken an Sie?

Nein, die Landwirte müssen sich immer selbst bei uns melden. Diesem Griff zum Telefon geht auch ein Eingestehen voraus, dass es so nicht weitergehen kann. Außerdem merkt man mit diesem Schritt, sich Hilfe zu suchen, auch, dass man in der finanziellen Krise nicht vollkommen machtlos ist. Der Schritt, sich Unterstützung zu suchen, ist oft auch der erste Schritt aus der Krise heraus.

Wie läuft dieses erste Gespräch zwischen Ihnen und der betroffenen Person ab?

Das Wichtigste in diesem ersten Telefonat ist es, zuzuhören und Fragen zu stellen. Häufig kommen dem Landwirt oder der Landwirtin schon beim Erzählen Ideen, wie es weitergehen könnte. Außerdem frage ich ab, wie die Menschen im Umfeld der betroffenen Person zur finanziellen Situation stehen. Wissen Sie von der finanziellen Notlage? Hat die betroffene Person Unterstützung in dieser Situation? Das Anliegen ist dabei auch, zum Beispiel Suizidgefahr auszuschließen. Außerdem hören mein Team und ich sehr gut hin, ob die finanzielle Situation gesundheitliche Auswirkungen auf die betroffene Person hat.

Auf welche gesundheitlichen Anzeichen achten Sie dabei?

Sätze wie „ich kann gar nicht mehr schlafen“, „die Bank sitzt mir im Nacken“ oder „ich habe ständig Kopfschmerzen“ sind für uns Alarm- signale, dass die finanzielle Krise sich auf die physische oder psychische Gesundheit des Landwirts auswirkt. Für solche Fälle arbeitet die Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit der Landwirtschaftlichen Alterskasse in einem Pilotprojekt zusammen. Bei gesundheitlichen Auswirkungen einer finanziellen Krise trägt die Alterskasse die Kosten für die ersten zehn Beratungs- und die ersten zehn Mediationsstunden. Eine solche Kooperation gibt es bisher nur in Niedersachen und Bayern. Sie soll es Landwirten erleichtern, sich in finanziellen Notsituationen professionelle Hilfe zu suchen.

Wie geht es für die Betriebe nach diesem ersten Gespräch weiter?

In der Regel lassen wir uns die Jahresabschlüsse schicken, um uns einen Überblick über die tatsächliche finanzielle Situation zu verschaffen. Dann folgt ein erster Termin mit der Familie des Betriebsleiters. Mir ist es sehr wichtig, dass bei diesem und weiteren Treffen alle betroffenen Personen teilnehmen, wie Ehepartner oder Hofnachfolger. In diesem Gespräch werden die Stärken und Schwächen des Betriebs aufgezeigt und alle Beteiligten können Ideen einbringen, wie ein Weg aus der Krise aussehen könnte. Letztlich ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder an einem Strang ziehen. Sie müssen sich auf ein gemeinsames Ziel festlegen, wie die Krise überstanden werden kann. Das ist eine sehr familien- und betriebsindividuelle Entscheidung.

Was könnten betriebsindividuelle Wege aus der Krise sein?

Zunächst einmal geht es fast immer darum, die kurzfristige Liquidität wiederherzustellen. Das wird beispielsweise mit einer Umfinan- zierung bei der Bank realisiert. Grundsätzlich muss der gesamte Betrieb unter die Lupe genommen werden, um auch eventuell vorhandene Reserven zu schöpfen. Wichtig ist dabei, dass der Betriebsleiter offen mit allen Beteiligten – Geschäftspartnern und Familie – spricht. Bei schwierigen Gesprächen unterstützen wir gern. Allerdings müssen der Landwirt und seine Familie den Weg aus der Krise selbst beschreiten. Mit einer Beratung und diesen ersten Schritten hat meist der Weg aus der Krise begonnen, doch bis das Tal vollkommen durchschritten ist, braucht es Zeit. Der Weg aus der Krise ist meist genauso lang wie in die Krise hinein. Ohne eine Kursänderung in der Betriebsstruktur ist das meist nicht umsetzbar.

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