Mit Zucht schützen

Michael Jänsch und Maria Thiele kümmern sich um die DSN-Zucht auf der Agrargenossenschaft Gräfendorf.

Auf den Punkt

  • Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind gehört zu den bedrohten Nutztierrassen.
  • Das Zweinutzungsrind kann auch unter heutigen Bedingungen wirtschaftlich sein.
  • Die Agrargenossenschaft Gräfendorf züchtet die Rasse als Genreserve.

Sie sind eine Rarität. Deutschlandweit gibt es von ihnen nur noch rund 2.500 Milchkühe. In Brandenburg sind es 1.300 Kühe; 830 davon stehen im Stall der Agrargenossenschaft Gräfendorf im südbrandenburgischen Herzberg. Verglichen mit modernen Holsteinkühen sind die Kühe in diesem Stall klein, kräftig und wirken robust. Damit erfüllen die Kühe von Michael Jänsch die besonderen Kriterien der Zucht des Deutschen Schwarzbunten Niederungsrinds (DSN).

Neben den melkenden Kühen hält die Agrargenossenschaft rund 400 Mastbullen.

Die Rasse stammt aus den Küstenregionen Norddeutschlands und der Niederlande. Hier wurde das Niederungsrind mit dem typischen schwarz-weißen Farbschlag ab 1876 mit einem festgelegten Zuchtziel gezüchtet. Zu dieser Zeit wurde auch der erste Zuchtverband der Rasse gegründet. In der folgenden Zeit waren Ostfriesland und Ostpreußen die wichtigsten Zuchtgebiete der Rasse.

Als Genreserve erhalten

„Mitte der 60er-Jahre wurden erstmals Holsteinrinder aus den USA in das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind eingekreuzt. Auch diese Holstein-Friesian-Rinder gingen ursprünglich einmal auf das Niederungsrind zurück, doch durch die Zucht der Auswanderer in den USA haben sich die beiden Rassen sehr unterschiedlich entwickelt. Die Holstein-Friesian und die DSN-Tiere gehen jedoch auf die gleichen Vorfahren zurück“, erklärt Michael Jänsch. Mit der Zucht der Deutschen Holsteins sei das Deutsche Niederungsrind immer mehr zurückgedrängt worden. „Doch in unserer Region gab es zu DDR-Zeiten ein professionelles Zuchtprogramm für das DSN-Rind. Um die Zusammenarbeit zu verbessern, wurde 1972 der Verein Genreserve Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind e. V. gegründet“, sagt Michael Jänsch. „Nächstes Jahr am 17. Juni feiern wir hier auf der Agrargenossenschaft mit einer Tierschau das 50-jährige Bestehen des Vereins.“

Im 2011 gebauten Boxenlaufstall sind 400 melkende DSN-Milchkühe untergebracht.

Ziel des Vereins ist der Erhalt der Zweinutzungsrasse. „Die Erhaltungszucht wird vom Land Brandenburg und von der EU gefördert“, sagt Maria Thiele. Sie ist beim Zuchtunternehmen Rinderproduktion Berlin-Brandenburg für die Beratung rund um das DSN zuständig.

„Neben den Bemühungen, hier in Brandenburg das Niederungsrind zu erhalten, wurde damals auch in Westdeutschland, vor allem in Niedersachen, engagiert DSN-Zucht betrieben“, sagt Michael Jänsch. „Die Zuchtfreunde in den alten Bundesländern haben den Verein zur Erhaltung und Förderung des Deutschen Schwarzbunten Niederungsrindes e. V. gegründet.“

Profitables Zweinutzungsrind

„Die Kühe passen auch nicht auf jeden Betrieb“, ergänzt Michael Jänsch. „Sie haben viele Vorteile, aber auch deutliche Nachteile.“ Einer der größten Nachteile im direkten Vergleich mit den modernen, hochleistenden Holsteinkühen sei die Milchleistung. „Sie ist im Mittel rund 3.000 kg geringer“, sagt er. Auch die Melkbarkeit sei bei einzelnen Tieren noch nicht optimal, obwohl die gezielte Zucht hier in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht habe. „Seit 2016 gibt es ein bundeseinheitliches Zuchtziel für das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind“, sagt Maria Thiele. „Darin haben sich alle Vereine deutschlandweit, die sich für den Erhalt des DSN-Rinds einsetzen, auf feste Zuchtkriterien festgelegt.“

Angestrebt wird laut Zuchtziel eine wirtschaftliche Zweinutzungskuh, die dank ihres großen Futteraufnahmevermögens, ihrer stabilen Gesundheit und ihrer guten Fruchtbarkeit über viele Laktationen nutzbar ist. Rassetypsich ist darüber hinaus ein regelmäßig schwarz-weiß geschecktes, gehörntes Rind.

Die Kühe haben ein großes Potenzial, viel Milch aus Grundfutter zu erzeugen.

„Als wirtschaftliches Zweinutzungsrind ist das DSN-Rind besonders in der ökologischen Milchvieh- und Nutztierhaltung interessant“, sagt Michael Jänsch. „Die Kühe sind in der Lage, vergleichsweise viel Milch aus Grundfutter zu erzeugen.“ Auch das ist im Zuchtziel festgeschrieben: Die Kühe sollen ein genetisches Milchleistungspotenzial von 7.000 bis über 8.000 kg aufweisen.

„Ein weiterer Vorteil der DSN-Kühe sind die guten Inhaltsstoffe. Im Zuchtziel werden 4,3 Prozent Fett und 3,7 Prozent Eiweiß angestrebt“, sagt der Züchter. Die Milchkühe der Agrargenossenschaft Gräfendorf erreichen im Mittel eine Milchleistung von 8.000 kg je Kuh und Laktation mit einem Fettgehalt von 4,2 Prozent und einem Eiweißgehalt von 3,6 Prozent.

Das typische Schwarzbunte Niederungsrind ist recht klein und schwer gebaut. Kühe sollen eine Kreuzbeinhöhe von 138 cm bei einem Gewicht von rund 650 kg erreichen. Die Bullen sind mit einer Kreuzbeinhöhe von 150 cm und einem Gewicht von etwa 1.100 kg etwas größer und schwerer gebaut.

Erfolgreiche Mast

„Mit diesem Körperbau eignen sich die Rinder auch sehr gut als Masttiere. Auch ihr ruhiges Temperament und die gute Weidefähigkeit tragen dazu bei, dass sie sehr gut als Zweinutzungsrind eingesetzt werden können“, sagt Michael Jänsch.

Auch die Agrargenossenschaft macht sich diese Eigenschaften zunutze. „Nachdem wir 2011 einen neuen Milchviehstall für 400 Tiere in Betrieb genommen hatten, folgte im Mai 2020 ein Maststall für rund 400 Tiere. Hier mästen wir die eigenen Bullen“, sagt er.

Der Stall ist so ausgerichtet, dass er möglichst arbeitseffizient funktioniert. Eine strohbasierte totale Mischration wird dreimal wöchentlich gefüttert und mit einem Roboter regelmäßig nachgeschoben. „Als tägliche Arbeit fällt hier meist nur noch die Tierkontrolle an“, sagt der Züchter.

Mit einer Kreuzbeinhöhe von durchschnittlich 138 cm sind die Kühe recht klein.

Neben den Gruppenmastbuchten befinden sich in dem Stall auch Einzelbuchten, die den Tieren mehr Komfort bieten. „Die Buchten werden, wenn Bedarf besteht, als Krankenbuchten genutzt. Außerdem haben wir hier die Möglichkeit, vielversprechende Zuchtbullen mit den anderen Tieren aufzuziehen und trotzdem leicht zu selektieren, wenn die entsprechenden Testergebnisse vorliegen“, sagt Zuchtberaterin Maria Thiele.

Selektiert werden Tiere mit einem guten und den Zuchtzielen entsprechenden Exterieur und einer sehr guten Abstammung. „Besonderen Wert legen wir auf die Bullenmütter“, sagt Maria Thiele. „Diese Kühe sollen in der ersten Laktation eine Milchleistung von mindestens 6.500 kg erreichen. Zudem wird in der ersten und zweiten Laktation die Euterqualität der Kühe streng überwacht.“

Im bundeseinheitlichen Zuchtziel ist ein maximaler Anteil an Holstein-Frisian-Genetik von 10 Prozent vorgeschrieben. „Wir haben uns als Verein Genreserve DSN ein noch schärferes Ziel gesetzt“, sagt Michael Jänsch. „Wir züchten nur mit Tieren, die keine Holstein-Friesian-Genetik im Stammbaum haben.“

Kleine Population

Die Zahl dieser reinrassigen Tiere ist jedoch begrenzt. „Die Population an Niederungsrindern ist europaweit in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen“, sagt Maria Thiele. „Um Inzucht in unserer Population zu vermeiden, arbeiten wir eng mit Züchtern aus Irland, Großbritannien und den Niederlanden zusammen. Zum Teil tauschen wir Zuchttiere aus, um neue Linien dazu zu gewinnen.“ Trotz dieser erschwerten Bedingungen liege der Inzuchtgrad in der hiesigen DSN-Zucht bei 2,5 Prozent, ergänzt Michael Jänsch. In der Holsteinzucht seien es in der viel größeren Population rund 6 bis 7 Prozent.

„Uns liegt es sehr am Herzen, die Rasse als Genreserve, auch für die Holsteinzucht, zu erhalten. Daher arbeiten wir eng mit DSN-Züchtern auch ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern zusammen“, sagt er. „Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind kann auch unter heutigen Bedingungen für Betriebe vorteilhaft sein. Das hohe Leistungspotenzial aus Grundfutter und die guten Zweinutzungseigenschaften machen es zu einer besonderen Rasse“, sagt Michael Jänsch. ●

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