Ohrnekrosen: Verdauung optimieren

Oftmals zeigen sich bei Ferkeln in der Aufzucht Ohrspitzennekrosen.

Auf den Punkt

  • Ohrrandnekrosen bei Aufzuchtferkeln können ihre Ursache in der Absetzphase haben.
  • Durch den Stress kann sich zum Beispiel die mikrobielle Darmflora zum Negativen verändern.
  • Landwirte sollten in dieser Phase versuchen, den Stoffwechsel zu entlasten.

Warum treten Ohrrandnekrosen in der Aufzucht von Ferkeln auf? Um mögliche Ursachen zu erkennen, ist es wichtig, die Probleme in der Absetzphase und die starken Veränderungen in der Verdauungsphysiologie des Ferkels nachvollziehen zu können.

Schon das Ansäuern der Nahrung im Magen erfolgt bei einem Saugferkel anders als bei einem Mastschwein, denn die Saugferkel ernähren sich vorwiegend von der Milch der Sauen. Im Magen des Saugferkels bilden dann Milchsäurebakterien die Milchsäure. Mit ihr wird der Mageninhalt angesäuert.

Beim Absetzens ändert sich dies – eine erhebliche Herausforderung für die jungen Tiere. Das Ferkel erhält nun zunehmend feste, stärkereiche Nahrung mit immer weniger Milchbestandteilen. Also muss sich auch die Enzymproduktion des Tiers an die Nährstoffzusammensetzung anpassen.

Stress beim Absetzen

Gleichzeitig wird die Säurebildung im Magen nicht mehr über die Milchsäure gewährleistet, sondern muss über die mageneigene Salzsäureproduktion erfolgen. Zur veränderten Verdauung kommen weitere Stressfaktoren. Das Absetzen von der Sau, der Umgebungswechsel oder das Zusammenstallen mit anderen Tieren sorgen dafür, dass sich die Ferkel in dieser Zeit in einer sehr kritische Phase befinden.

Sie durchleben weitere Veränderungen des Stoffwechsels: In der ersten Woche nach dem Absetzen fressen die Ferkel oft unregelmäßig. In den ersten zwei bis drei Tagen nehmen sie zu wenig Futter auf. Dafür ist es am vierten bis fünften Tag häufig zu viel. Sie überfressen sich.

Das Problem dabei: Die Futtermenge, die sie am fünften Tag nach dem Absetzen aufnehmen, ist oft so groß, dass es der Magen nicht schafft, ausreichend Säure zu produzieren. Ein gleichmäßiges Durchsäuern des Mageninhalts ist nicht mehr gewährleistet. Hieraus resultieren:

  • eine unzureichende Keimabtötung,
  • eine suboptimale Stärkevorverdauung,
  • eine zu geringe Pepsinaktivierung (erste Eiweißspaltung).

In der Folge gelangen nicht aufgeschlossene Nahrungsbestandteile in den Dünn- und Dickdarm. Dort dienen sie unerwünschten Mikroorganismen und Bakterien als Nährsubstrat.

Mit dem veränderten Futter stellt sich auch der Stoffwechsel der Ferkel um – insgesamt eine stressige Phase, die die Entgiftungsfunktion beeinträchtigen und am Ende zu Nekrosen führen kann.

Unerwünschte Mikroflora

In diesem Zusammenhang entsteht überwiegend folgendes Problem: die starke Vermehrung von Colikeimen im Dünndarm. Auch in anderen Darmabschnitten verändert sich die bakterielle Besiedlung, was sich möglicherweise negativ auswirkt. Vereinfacht gesagt entwickelt sich eine unerwünschte Mikroflora im Darmtrakt. Sie kann die Barrierefunktion der Darmwand schwächen und für unerwünschte Stoffe durchlässiger machen.

Bei gutem Futter und Management sterben die (Coli-)Keime wieder ab. Im Darm verbleiben dann nur die Zellwandbestandteile der gramnegativen Bakterien, die sogenannten Endotoxine. Bei einer intakten Darmbarriere wäre dies unproblematisch. Doch durch die zuvor hohe Keimbelastung ist die Schutzfunktion der Darmschleimhaut teilweise empfindlich gestört, sodass sich auch deren Durchlässigkeit für Endotoxine erhöht. Man spricht in diesem Fall vom sogenannten „leaky gut“ (= durchlässiger Darm). Die Endotoxine können in den Organismus gelangen.

Allgemein werden solche Endotoxine in einem gesunden Organismus erst über die Leber entgiftet und dann über den Darm beziehungsweise der Lunge wieder ausgeschieden. Dies geschieht aber nur bei einer funktionsfähigen Leber. Eine belastete oder gar geschädigte Leber entgiftet die Endotoxine nur begrenzt. Bleibt die Entgiftung in der Leber aus, gelangen sie ins Blut und lösen letztendlich – als letzten Abwehrmechanismus – eine Aktivierung der Blutgerinnung aus.

Niesende Ferkel

Betrachtet man nun Ferkel nach dem Absetzen oder Einstallen in die Mast, beginnen sie häufig nach zwei Wochen zu niesen. Schaut man sich dann die Ohren an, sind zu diesem Zeitpunkt stark injizierte Ohrgefäße zu sehen. Das deutet auf einen erhöhten Blutdruck bei den Ferkeln hin. In vielen Betrieben zeigen die Tiere zwei Wochen nach dem Absetzen sogar eine erhöhte Körpertemperatur.

Werden dann im Blut der Ferkel verschiedene Stoffwechselparameter untersucht, kann man teilweise eine hohe Leberbelastung bis hin zu einer beeinträchtigten Leberfunktion beobachten. Das führt in dieser Phase dazu, dass der Organismus versucht, mithilfe der gesteigerten Blutgerinnung die Entgiftungsfunktion für die Endotoxine zu übernehmen. Die feinen Blutgefäße an den Ohrspitzen verstopfen durch das „dicke Blut“ und sterben ab – es entstehen Nekrosen an den Ohrspitzen.

Nach einigen Tagen sind dann die Blutgerinnungsfaktoren verbraucht. Beginnen aber Verkrustungen und Nekrosen an den Ohrspitzen an einer Stelle zu bluten, können diese durch die nun fehlenden Blutgerinnungsfaktoren gar nicht mehr oder nur sehr schwer abheilen.

Therapie: Stoffwechsel entlasten

Bei akuten Problemen sollten Landwirte am besten zusammen mit ihrem Tierarzt und Futterberater versuchen, über die Fütterung der Ferkel die Leber zu schützen und den Stoffwechsel zu entlasten. Eine entsprechende Diät sollte möglichst gut verdauliche Rohkomponenten enthalten, da die Tiere bei einer erhöhten Körpertemperatur vermutlich weniger Verdauungsenzyme bilden.

Aus diesem Grund sollten in der Phase ab etwa 12 kg bei Körpertemperaturen über 39,5 °C hohe Fasergehalte über 4,5 Prozent kritisch hinterfragt werden. Sie machen das Futter für die Ferkel zunehmend unverdaulich. Die Auswahl der Rohfaser ist hier mehr nach dem adsorbierenden Effekt zu bewerten. Generell muss man bei Leberproblemen wissen, dass bei Fettgehalten über 5 Prozent eine Steatorrhoe (schleimig schmieriger Kot) auftreten kann.

Um Ohrrandnekrosen zu vermeiden, sollte das Futter frühzeitig und langsam angepasst werden.

Stefan Niebur-Ossenbeck

Neben diesen allgemeinen Punkten bei der Rationsgestaltung kann durch die gezielte Kombination verschiedener Vitamine und Wirkstoffe die Blutbildung und -gerinnung der Tiere unterstützt werden. Die Ohrrandnekrosen heilen besser ab beziehungsweise treten kaum noch auf.

Schon im Gegenlicht lassen sich die Blutgefäße und möglicherweise gestaute Venen gut erkennen.

Des Weiteren sollten Schweinehalter berücksichtigen, dass die Tiere, die durch Ohrrand- oder Flankennekrosen auffallen, nur die Spitze des Eisbergs sind. Fast immer haben die anderen Ferkel, wenn auch nicht sichtbar, ebenso Probleme mit Fieber oder einer gestörten Blutbildung beziehungsweise -gerinnung. Es kann also auch unterschwellig zu Leistungsdepressionen kommen.

Prophylaxe mit Absetzfutter

Im Hinblick auf eine wirksame Therapie wird deutlich, dass ein Futter zur Unterstützung des Stoffwechsels in dieser schwierigen Phase (ab dem 14. bis zum 17. Tag nach dem Absetzen) ein wichtiger Schritt ist. Jedoch mildert diese Maßnahme nur die Schwere und die Folgen der Stoffwechselstörung ab, nicht aber die eigentliche Ursache.

Eine wirksame Prophylaxe in der Ferkelaufzucht beginnt aufgrund der erläuterten Verdauungsproblematik schon mit dem Absetzfutter. Es muss so zusammengesetzt sein, dass durch das Absetzen möglichst wenig Veränderungen in der mikrobiellen Besiedlung des Darms entstehen und ein starkes Wachstum unerwünschter Keime verhindert wird.

Schweinehalter sollten möglichst viele aufgeschlossene Komponenten einsetzen, die die Verdaulichkeit des Futters steigern. Hochwertige Proteinträger (etwa Kartoffelprotein und Sojaproteinkonzentrat) verbessern zum Beispiel die Eiweißverdauung.

Dabei sind besonders Blutplasma oder tierische Proteinhydrolysate hervorzuheben. Diese Proteinquellen sind fast zu 100 Prozent verdaulich und liefern ein breites Aminosäurespektrum nahezu synthesekonform für die Tiere. Dadurch lassen sich der Proteingehalt und der Anteil schnell abbaubarer Kohlenhydrate in der Ration reduzieren und eine hohe Futter- und Nährstoffaufnahme in den ersten Tagen erzeugen. Schlussendlich gelangen so auch weniger unverdaute Bestandteile in den Darm und unerwünschte Keimen finden weniger Nahrung, um sich zu vermehren.

Für die Konzeption eines guten Absetzfutters ist dies jedoch nur ein Baustein. Viele weitere Rationsparameter können für einen optimalen Start in die Absetzphase entscheidend sein. Dazu zählen:

  • das Einstellen des richtigen Fett-Zucker-Verhältnisses,
  • das Ansäuern des Futterbreis,
  • der Einsatz von Quellmehlen, um die Darmgesundheit zu unterstützen,
  • der Einsatz von Phytobiotika und anderen darmstabilisierendenZusatzstoffen.

Neben der eigentlichen Zusammensetzung ist es außerdem sehr wichtig, dass das Absetzfutter auch schon in den letzten drei Tagen im Abferkelstall zugefüttert wird, um den Umstellungsstress beim Absetzen möglichst gering zu halten.

Bei der Diagnostik können Thermografieaufnahmen von den Ferkeln wichtige Hinweise liefern.

Ziel sollte es sein, die Mikroflora im Darm über das Absetzen hinaus stabil zu halten beziehungsweise langsam umzustellen. Damit werden Schädigungen der Schleimhaut und der Darmbarriere in verschiedenen Darmabschnitten durch eine unerwünschte Keimflora möglichst unterbunden. Nur so kann der Eintritt beziehungsweise die Aufnahme von Endotoxinen und anderen Schadstoffen in den Organismus wirksam verhindert werden. (mh) 

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