Mit AUDIO-Interview

„In guten wie in schlechten Tagen“

Ferkelerzeuger Christian Henne (l.) und Schweinemäster Horst-Friedrich Hölling arbeiten seit zehn Jahren eng zusammen. Große Platzreserven gibt es nicht, sie waren - gerade wegen der guten Zusammenarbeit - bislang nicht nötig. Corona hat alles geändert, aber daran sind sie nicht schuld.

Noch kann Christian Henne etwas schmunzeln, wenn er erzählt, wie es ihm in den vergangenen Wochen ging, wenn auf seinem Handy die Nummer seines Berufskollegen und Geschäftspartners Horst-Friedrich Hölling erschien: „Ich habe jedes Mal gebetet, dass er mir nicht mitteilt, dass er diese Woche keine Ferkel mehr abnehmen kann.“

Sorge ist groß

Seit der ersten Schlachthofschließung infolge von Corona-Infektionen ist die Sorge groß, dass Produktionsketten zum Erliegen kommen können. Und dass die Sorge sehr berechtigt ist, zeigen die jüngsten Corona-Fälle an den Schlachthöfen in Sögel und Emstek, der „Schweinestau“ wächst nicht nur in Niedersachsen Tag für Tag.

Ferkelerzeuger Christian Henne arbeitet seit zehn Jahren mit Hölling zusammen, etwa drei Viertel seiner Ferkel gehen dorthin. Für Hölling wiederum ist Henne der einzige Ferkellieferant. Die beiden Schweinehalter bewirtschaften ihre Betriebe in ca. 38 km Entfernung voneinander, Hölling in Salzhemmendorf im Landkreis Hameln-Pyrmont und Henne in Dassel, Landkreis Northeim. Zwischen Ferkellieferant und -abnehmer hat sich über die Zeit eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelt, die von beiden Seiten wertgeschätzt wird. Jede Woche gibt es eine Ferkellieferung mit 220 bis 280 Tieren, den Transport übernimmt Hölling. Bis vor kurzem konnte sich keiner der beiden vorstellen, dass diese Zusammenarbeit von heute auf morgen beendet werden könnte – ohne ihr eigenes Zutun, infolge fehlender Schlachtkapazitäten.

In guten Ferkelerzeuger-Mäster-Beziehungen sollte eine Abnahme der Ferkel aktuell eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn der Maststall nicht leer wird, funktioniert das jedoch auch nicht mehr.

Heute ist diese Gefahr sehr real geworden und bestimmt auch ihre Gespräche. Dabei haben sie „eigentlich“ alles richtig gemacht: Hölling, der seine Schweinemast seit dem Bau des ersten Stalles 1998 beständig ausgebaut hat, hat seine Ferkel immer von Betrieben in der Region bezogen, seine Devise war von Anfang an „5 x N – von der Geburt bis zur Verarbeitung in Niedersachsen“, sagt er. Den letzten Wechsel beim Ferkelbezug gab es vor zehn Jahren – damals verdoppelte Hölling seine Mastplätze auf dann 4.000, die sein damaliger Ferkellieferant nicht befüllen konnte. Das konnte aber Christian Henne, der auf seinem Betrieb 630 Sauen hält.

Schlachter ist Partner

Hölling war auch bei der Vermarktung seiner Schweine immer regional unterwegs. Lange Jahre gingen seine Tiere, bei damals schon wöchentlicher Lieferung, an den Ladenschlachter Hanke im 16 km entfernten Gronau (Leine). Als dieser die eigene Schlachtung einstellte, weil die Kosten für Auflagen und Fleischbeschau etc. ihm davonliefen, mussten Höllings Schlachtschweine nach Laatzen bei Hannover gebracht werden. Dort wurden sie im Lohn geschlachtet. Die Vorgaben des Landschlachters, dass die Tiere vor der Schlachtung ausreichende Ruhezeiten haben müssen zur Sicherung der Fleischqualität, konnten dort erfüllt werden. Hölling lieferte seine Schlachtpartie abends an, morgens wurde sie geschlachtet. Sein Abnehmer Hanke hat sich neben dem Verkauf über eigene Filialen auf die Belieferung von Lebensmittelläden im Großraum Hannover spezialisiert, die Wert auf regionale Herkunft beim Fleisch legen. Das Geschäft läuft sehr gut, weiß Hölling, seit Corona „gönnen“ sich anscheinend mehr Verbraucher die gehobene Preisklasse auch bei Fleisch. Hanke wird nur mit Tieren von Hölling beliefert.

Geschlachtet werden können sie seit eineinhalb Jahren jedoch, nach einem Besitzerwechsel, nicht mehr in Laatzen. Neuer Vermarktungspartner seitdem ist der EGO-Schlachthof in Georgsmarienhütte, über den seine Tiere aber weiterhin an Hanke verkauft werden. Bislang läuft am EGO-Schlachthof alles gut, aber sowohl Hölling als auch Hanke ist klar, dass sich das – bei einer Corona-Infektion von Mitarbeitern – von einem Tag auf den anderen ändern kann.

Kaum Reserveplätze

„Das wäre das absolute Desaster“, sagt Henne. Vertrauend auf den immer problemlosen Absatz haben sich weder er noch Hölling groß Gedanken über Reservekapazitäten gemacht: „Die Mast läuft rund, es macht sich auch bei den Leistungen ‚bezahlt‘, dass ich nur eine Herkunft und damit gesunde Tiere habe. Christian beliefert mich wochenweise, die Abteile können immer zügig geräumt werden“, sagt Hölling. Auch, dass beide die gleiche bestandsbetreuende Tierärztin haben, sorgt für eine problemlose Produktion. Bei Christian Henne gibt es etwas Luft in der Ferkelaufzucht, auch, weil die Abteilgrößen im Betrieb Hölling etwas unterschiedlich sind und die wöchentliche Liefermenge etwas variiert. Aber nach spätestens zwei Wochen wäre bei ihm auch Feierabend mit Platz im Stall, betont Henne.

„Wir müssen einen Platzpuffer aufbauen, aber das geht nur längerfristig.“

Christian Henne

„Das ganze System unserer Schweineproduktion kann jeden Tag kollabieren“, befürchtet Hölling. Deshalb ist es zum Beispiel für ihn völlig unverständlich, warum das „Corona-Management“ bei Schlachthöfen den betroffenen Landkreisen überlasssen wird. Für ihn muss diese Kompetenz bei der Landesregierung liegen: „Es kann nicht sein, dass sonst in einem eher landwirtschaftlich geprägtem Umfeld eine komplette Schlachthof-Schließung vielleicht vermieden werden kann, an anderer Stelle aber nicht.“ Auch Henne sieht das so: „Da stehen die Ministerinnen von Niedersachsen und NRW in der Verantwortung, es muss einheitliche Regelungen geben!“ Ebenso gefordert sehen sie die Politik beim offensichtlichen aktuellen Mangel an Arbeitskräften an den Schlachthöfen, da sei Unterstützung gefragt. Oberstes Ziel müsse das Aufrechterhalten von Schlachtkapazitäten sein, Nottötungen dürfen in ihren Augen niemals als „Alternative“ erwogen werden.

„Das deutsche Ferkel ist schon vom Aussterben bedroht, da muss man jetzt nicht noch nachhelfen.“

 

Horst-Friedrich Hölling

Unverständnis herrscht bei beiden angesichts der Diskussion um die Exportorientierung der hiesigen Fleischwirtschaft: „ Bei uns will keiner mehr Pfötchen essen, die Alternative zum Export wäre, das viele Teile des Schlachtschweines entorgt würden, das ist einfach Lebensmittelverschwendung“, kritisiert Henne.

Für wenig zielführend halten sie einiges, was derzeit an Möglichkeiten diskutiert werde zur Problemlösung: „Die Forderung, dass die Sauenhalter jetzt weniger besamen sollen, könnte die Politik sich sparen.“ Der Abbau der Sauenhaltung hierzulande sei schon voll im Gange, die neuen Regelungen zum Deck- und Abferkelbereich, das Kastrationsverbot, die Diskussionen um die Tierhaltung und zuletzt die abstürzenden Ferkelpreise hätten daran ihre Anteile. „Das deutsche Ferkel ist sowieso schon vom Aussterben bedroht, da muss man nicht jetzt noch nachhelfen,“ so Hölling. Für ebenso fragwürdig halten beide die Forderung, auf Importferkel zu verzichten: „Andere EU-Ferkelerzeuger trifft der Schweinestau doch genauso wie uns“, so Henne.

Breit aufgestellt

Im Betrieb Hölling gibt es mit dem Ackerbau, eigener Futterproduktion, Beteiligung an einer Biogasanlage und Kartoffel-Direktvermarktung weitere Betriebszweige, bei Hennes sind es der Ackerbau, eine Biogasanlage und Transport-Dienstleistungen. Aber bei beiden ist die Schweineproduktion tragende Säule. Auf beiden Betrieben steht die nächste Generation in den Startlöchern, mit einzusteigen.

Aktuell können sich beide Betriebe nur schnellstmöglich überlegen, wie und wo sie ihre Tiere bei Bedarf vorübergehend unterbringen können. Sie stehen auch dabei zusammen und überlegen gemeinsam. Aber das allein wird ihnen im schlimmsten Fall auch nicht weiterhelfen.

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