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Mit AUDIO-Interview 

Beim Stallbau das Tier im Blick haben

Wichtig ist bei der Bewegungsbucht das richtige Verhältnis von Fluchträumen für die Ferkel und Bewegungsraum für die Sau. Der Arbeitsschutz muss ebenfalls gewährleistet sein.

Mit der Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung dürfen Schweinehalter Sauen nur noch wenige Tage rund um die Geburt fixieren, womit neue Buchtenformen nötig sind. Beim Forum Schweinehaltung der LWK Schleswig-Holstein Anfang September im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ging es darum, wie die Abferkelbucht der Zukunft aussehen kann.

Mit dieser Frage beschäftigte sich bereits das Forschungsprojekt Innopig in den Jahren 2015 bis 2018. Neben der LWK Schleswig-Holstein und der LWK Niedersachsen waren verschiedene Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft am Projekt beteiligt. Ziel war es, drei Abferkelsysteme miteinander zu vergleichen:

  • die traditionelle Abferkelbucht mit Ferkelschutzkorb,
  • freie Abferkelung in Einzelhaltung
  • und freie Abferkelung mit anschließender Gruppenhaltung der ferkelführenden Sauen.

„Eigentlich waren wir schon einen Schritt zu weit“, räumte Christian Meyer von der LWK Schleswig-Holstein ein. „Wir wollten freie Abferkelung, aber dabei waren die Verluste viel zu hoch“, berichtete er. Da die Ferkel vor allem in den ersten drei Tagen nach der Geburt erdrückt wurden, ergab sich im Projekt die kurzzeitige Fixierung der Sauen in Bewegungsbuchten als Alternative zum Ferkelschutzkorb. Mit dieser Kurzzeitfixierung vom Tag vor der Abferkelung bis vier Tage danach gelang es, die Ferkelverluste auf ein vergleichbares Maß wie in klassischen Abferkelbuchten zu reduzieren.

Ziel Bewegungsbucht

„Unser heutiges Ziel sind daher Bewegungsbuchten“, erklärte Christian Meyer: „Wir haben also keine freie Abferkelung, sondern die Sau wird am Tag vor der Geburt fixiert. Nach der Abferkelung machen wir den Stand auf, sodass die Sau sich bewegt, der Kreislauf in Schwung kommt und sie Futter und Wasser aufnimmt. Danach wird sie zwei bis drei Tage fixiert, um die Ferkel zu schützen, bevor sie wieder frei laufen kann.“

„Stallbau muss über den Blick auf das Tier geschehen.“

Christian Meyer

Die geforderte Fläche der Abferkelbucht von 6,5 m² ist laut Christian Meyer nicht zu groß für eine Sau mit rund 14 Ferkeln. Allerdings seien Systeme nötig, mit denen diese Abferkelbucht funktioniert. Von entscheidender Bedeutung sei dabei der Blick auf das Tier. „Wir müssen uns zuerst überlegen, was das Tier will und kann und das dann entsprechend umsetzen. Stallbau muss über den Blick auf das Tier geschehen, auf keinen Fall über den Preis“, betonte er. In dieser Hinsicht sei ein Umdenken nötig, da früher häufig Masse und Menge im Vordergrund gestanden hätten. Diese Veränderungen sieht auch Dr. Eckhard Meyer vom Lehr- und Versuchsgut Köllitsch in Sachsen auf die Schweinehaltung zukommen. „Beim Stall der Vergangenheit standen Arbeitsproduktivität und biologische Leistungen im Vordergrund. Diesen Stall müssen wir jetzt weiterentwickeln, aber wir dürfen nicht alles verwerfen. Der Tierschutz fordert eine Revolution, doch wir brauchen eine Evolution“, erklärte er. Viele Aspekte müssten im Hinblick auf Tierwohl optimiert werden, aber zugleich dürfe man Produktivität und auch Unfallschutz nicht vernachlässigen. Chancen sieht Dr. Eckhard Meyer darin, nach dem Motto „zurück in die Zukunft“ Komponenten aus überholt geglaubten Systemen mit modernen Komponenten zu kombinieren. Fasst man die Aussagen der beiden Experten zur Abferkelbucht der Zukunft zusammen, ergeben sich die folgenden Anforderungen:

Buchtenform/gestaltung

Der Kastenstand sollte nicht diagonal in der Bucht ausgerichtet sein, sodass die Sau mit dem Kopf in einer Ecke der Bucht steht, sondern gerade. Diese Ausrichtung verhindert, dass Nischen neben dem Kastenstand entstehen. Statt einer quadratischen Bucht empfiehlt sich eine trapezförmige Form im Verhältnis von ungefähr 2:3, da so weniger Ferkelverluste auftreten.

Ziel der Bewegungsbucht ist nicht, den Sauen maximalen Aktionsradius zu bieten, sondern das optimale Verhältnis aus Fluchträumen für die Ferkel und Bewegungsraum für die Sau zu finden (circa 1:1,5).

Größere Buchtenflächen als 6,5 m² bringen keine Verbesserung, da neugeborene Ferkel hier zu große Entfernungen zurücklegen müssen. Wichtig ist, die Bucht so einzurichten, dass der Platz ausreicht, um wenn nötig Geburtshilfe zu leisten.

Niedrige Buchtenwände können vorteilhaft sein, um aus der Ferne in die Bucht zu schauen und leicht ein- und auszusteigen. Ein guter Boden gewährleistet vor allem die Tritt- und Standsicherheit der Sauen, die in allen Bereichen der Bucht gleichermaßen gegeben sein muss. Darüber hinaus muss er die Temperaturansprüche der Sau erfüllen sowie Hygiene und Liegekomfort bieten. Die Standfläche der Sau sollte gegenüber der restlichen Bucht nicht erhöht sein.

Schutz vor Erdrücken

Ferkel werden unter anderem erdrückt, wenn sich Sauen zuerst mit der Vorderhand ablegen und dann unkontrolliert fallen lassen. Ursache dafür können neben rutschigen Böden Fundamentschwächen und Klauenprobleme sein, die ein langsames Abliegen schmerzhaft machen. Eine andere Verhaltensweise, bei der Sauen häufig Ferkel erdrücken, ist das sogenannte Rolling, ein unkoordinierter Positionswechsel im Liegen von einer Seite auf die andere. Beiden Verhaltensweisen wirkt der Ferkelschutzkorb entgegen, indem er die Bewegungen der Sau leitet und einschränkt, um Erdrückungen zu vermeiden. Damit der Ferkelschutzkorb die Sau beim Abliegen unterstützen kann, dürfen sich die Seitenteile des Korbs nicht bewegen und müssen ihr sicher Halt geben.

Wichtig ist für den Schutz der Ferkel auch der Ferkelschutzbogen an den Wänden in der gesamten Bucht. An Stellen ohne einen solchen Bogen besteht die Gefahr, dass die Sau sich direkt an der Wand ablegt und dabei Ferkel erdrückt.

„Der Tierschutz fordert eine Revolution, doch wir brauchen eine Evolution.“

Dr. Eckhard Meyer

Arbeitssicherheit

Neben den Ansprüchen von Sau und Ferkeln muss die Bucht auch die des Menschen berücksichtigen. Er muss stets vor Verletzungen geschützt sein, was bei freilaufenden ferkelführenden Sauen eine Herausforderung sein kann. Wichtig ist, dass das Einsperren der Sauen schnell, unkompliziert und ohne Verletzungspotenzial durch eingeklemmte Finger oder direkten Kontakt zur Sau möglich ist. Auch eine Person allein sollte den Ferkelschutzkorb schließen können, was bei Systemen, in denen der Fixierbügel von oben heruntergeklappt wird, erschwert sein kann.

Das Ferkelnest muss der Landwirt jederzeit ohne Verletzungsrisiko erreichen können. Dafür ist es wichtig, dass die Abdeckung des Nests leicht klappbar ist und sich sowohl von außerhalb der Bucht als auch von innen öffnen lässt. Durchsichtige Deckel zum Durchschauen sind vorteilhaft, verstauben aber schnell. Das Ferkelnest muss ausreichend weit von der Standfläche der Sau entfernt sein und so liegen, dass es nicht nass wird, wenn die Sau Urin absetzt.

Aus arbeitswirtschaftlicher Sicht empfiehlt sich ein Nest mit einer Unterteilung in zwei, besser drei Fächer, um beispielsweise bei der Kastration unter Isoflurannarkose Ferkel abzutrennen.

Wichtig ist auch die richtige Temperatur im Ferkelnest. Eine Gummimatte reicht nicht aus. Auf jeden Fall sollte eine Heizung von oben und idealerweise zusätzlich eine Fußbodenheizung vorhanden sein. Zu bedenken ist aber auch, dass das Ferkelnest nicht zu viel Wärme nach außen abgeben darf, weshalb eine Ummantelung mit thermoneutralem Material empfehlenswert ist.

Um den Temperatur- und Luftansprüchen der Sau gerecht zu werden ist ein geeignetes Lüftungssystem unverzichtbar. Es muss so gebaut sein, dass die Sau sich wohlfühlt und beim Liegen Frischluftzufuhr am Kopf hat.

Herausforderungen durch die neuen Vorgaben sieht Dr. Eckhard Meyer neben den Flächenangeboten und der begrenzten Fixierungsdauer im Hinblick auf den Bodenperforationsgrad von maximal 7 Prozent im Liegebereich der Sauen und dem Zugang zu organischem Beschäftigungsmaterial. Zudem wurde bei den Grenzwerten für die Schadgas- und Lärmbelastung das Wort „dauerhaft“ aus der Verordnung gestrichen. Die Bedeutung dieser Änderung hänge von der Auslegung ab: Wenn die Vorgabe nicht für Einzelpunktwerte gilt, hält Dr. Eckhard Meyer sie für umsetzbar, doch einzelne Messungen würden die Grenzwerte immer überschreiten.

Gute Arbeitskräfte

Eine Voraussetzung für den Stall der Zukunft sind für ihn auch qualifizierte Arbeitskräfte. Um diese zu bekommen, müsse die Schweinehaltung ihr Image verbessern. „Wir müssen klar kommunizieren, was wir bereits Gutes tun“, forderte er die Schweinehalter deshalb auf. Daneben erforderten zukünftige Stallsysteme züchterische Entwicklungen. „Die einseitige Zucht auf Leistung und viele Ferkel ist vorbei. Die Sauen müssen weniger aggressiv und mütterlicher werden“, erklärte Dr. Eckhard Meyer.

Und wie sieht es bei den Stall-ausstattern aus? Laut Christian Meyer ist auf dem Markt eine Vielzahl verschiedener Bewegungsbuchten verfügbar, auch wenn diese noch weiterentwickelt und angepasst würden. Es liege jetzt an den Landwirten, zu entscheiden, in welcher Form sie bauen wollen, wobei Berater und Fachleute der Firmen sie gut unterstützen würden. Die entscheidende Frage sei, inwiefern es eine finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite geben wird. Denn die Landwirte seien bereit für einen Wandel der Tierhaltung, müssten diesen aber auch finanzieren können und der Umbau werde zweifellos teuer.

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