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Moorschutz muss rentabel werden

Neu angelegter Torfmoos-Polder und Wasserrückhaltebecken.

Dr. Jens-Uwe Holthuis begrüßt uns in „seinem Wohnzimmer“, wie er selbst sagt. Wer glaubt, es handelt sich dabei um eine warme Stube, täuscht sich. Holthuis Wohnzimmer ist eine eingepolderte Moorfläche mit Torfmoosen der Gattung Sphagnum in Barver, im Mittleren Wietingsmoor. Wer eintritt, bekommt definitiv nasse Füße, denn die Bewohner des „Wohnzimmers“ brauchen das Wasser. „Torfmoose benötigen einen nährstoffarmen und nassen Standort“, erklärt der Bodenkundler und Projektleiter Holthuis. „Sie haben seit Jahrtausenden Torf gebildet, der in Niedersachsen und anderswo an vielen Standorten abgebaut wird, früher vorwiegend als Brenntorf.“ Heute kennt jeder abgebauten Torf, er ist vor allem im Gartenbau sehr gefragt.

Auch in Barver bei Freistadt wurde in den 50ziger Jahren großflächig Torf abgebaut. Holthuis: „Hier wurden nach dem Krieg Flüchtlinge angesiedelt und die Moore trockengelegt, um landwirtschaftliche Nutzflächen zur Verfügung stellen zu können.“ So wie in der Diepholzer Moorniederung wurde auf vielen niedersächsischen Moorstandorten vorgegangen. Holthuis erinnert an den Emslandplan, wo tausende Hektar Moor trockengelegt und tiefgepflügt wurden. Die Moore sollten den Menschen dienen. Tiefgepflügte Sandmischkulturen, die durch den Emslandplan entstanden, sind praktisch keine Moorflächen mehr.

Auch heute dienen die regelmäßig entwässerten Moorflächen den Menschen als wirtschaftliche Grundlage. Neben Torfabbau, der allerdings im Landkreis Diepholz an zwei Standorten nur noch bis spätestens 2035 zugelassen ist, erwirtschaften viele Landwirte ihr Familieneinkommen auf solchen Flächen.

Größer denken

„Doch Moore haben vielfältige Funktionen“, wechselt Holthuis zur aktuellen Diskussion über die Moornutzung unter Klimaschutzaspekten. „Moore können CO2 aus der Luft aufnehmen, sind natürliche Senken für dieses Treibhausgas. Wichtiger ist aber, dass sie über Jahrtausende riesige Mengen Kohlenstoff gespeichert haben und so den Treibhauseffekt bremsen“, erklärt der Moorfachmann. Aber um diese Funktion ausüben zu können, dürfen Moore nicht entwässert bleiben. „Wir müssen in der Moornutzung umdenken“, so Holthuis. Galt es früher, den Mooren das Wasser zu entziehen, heißt es heute, das Wasser in der Landschaft zu halten: „Moor muss nass“, wie es das Greifswalder Moor Centrum passend ausdrückt.

Doch kleinräumiger und kurzatmiger Aktionismus bringt hier für den Klimaschutz und für die Landwirtschaft in Moorgebieten gar nichts. Holthuis: „Moorschutz und -nutzung müssen groß und zusammen gedacht werden“. Das bedeutet: Heute geht es im Gegensatz zu früher darum, Moore gezielt wieder zu bewässern, um auch kommenden Generationen dort lebender Menschen ein wirtschaftlich nachhaltiges Auskommen zu ermöglichen und gleichzeitig den Mooren ihre Klimaschutzfunktion zurückzugeben. Holthuis: „Wir brauchen quasi im umgekehrten Sinne einen Emslandplan 2.0.“

Dr. Jens-Uwe Holthuis.

Und wie passt das Torfmoos-Projekt in Barver in diesen Zusammenhang? „Auf 0,9 ha haben wir hier eine Versuchs- und Demonstrationsfläche für Paludikulturen angelegt“, erklärt der Projektleiter. Mit solchen Paludikulturen, zu denen auch der Rohrkolben oder der Klassiker Schilf gehören, können möglicherweise beide Aspekte – klimaschonende Moornutzung und Rentabilität einer solchen – umgesetzt werden. Angesiedelt wurden auf der wiedervernässten Fläche in Barver Torfmoose, um diese nach einer vierjährigen Etablierungsphase in einem Intervall von vier bis fünf Jahren zu ernten und das Moos in verschiedene Nutzungsrichtungen zu vermarkten.

Wichtig sind Märkte

Abnehmer für das Torfmoos kann dann beispielsweise im größeren Stil der Gartenbau sein: Als Torfersatzstoff sind Torfmoose ideal für die pflanzenbauliche Produktion. Spezielle Bereiche wie der maritime Bereich (Aufsaugen von Ölteppichen), die Reptilienhaltung (Material für Terrarien), aber auch Nischenmärkte wie z.B. der Verkauf von 500 g Päckchen Torfmoose zur Gestaltung im indoor-Bereich können die Abnehmer sein. Ein interessanter Markt ist auch die Produktion regionaler Torfmoosarten als Starterkulturen zur beschleunigten Renaturierung von Abbauflächen.

Um mögliche Absatzmärkte macht sich der Projektleiter daher keine großen Sorgen, die sieht er in Zukunft genügend, vor allem, wenn es um die Vermarktung klimaschonend hergestellter Produkte geht. Die Entwicklung solcher zukunftsweisenden Verfahren ist jetzt wichtig, will man den Nutzern von Moorflächen eines Tages wirtschaftliche Alternativen an die Hand geben, neben einer Landwirtschaft, die dann unter anderen Bedingungen als heute stattfinden müsste. Den Anbau von Torfmoosen könnte sich Holthuis beispielsweise in Form einer Erzeugergenossenschaft von Landwirten oder bei einem Maschinenring vorstellen.

Nur mit Unterstützung

Für sehr wichtig hält Holthuis die Unterstützung solcher Unternehmungen auch später in der Praxis. „Für den Bau und die technische Infrastruktur des Torfmoospolders haben wir für eine Fläche von 2,5 ha insgesamt 380.000 Euro ausgeben müssen“, so der Projektleiter. Da es sich um eine Dauerkultur handelt, sind die Kosten auf etwa 30 Jahre Nutzungsdauer umzulegen. Ohne Anschubfinanzierung rechnet sich so etwas noch nicht. „Wir müssen viele Hebel bedienen, um Paludikulturen in der Praxis zu etablieren“, fährt Holthuis fort. Hier denkt er vor allem an eine Änderung der EU-Förderpolitik, die ihre Flächenprämien auch für Paludikulturen öffnen muss, eine Einpreisung der Klimafolgekosten nicht-standortgerechter Moornutzungen nach dem Verursacherprinzip oder an das Geschäftsmodell des Klimawirtes.

Dr. Jens-Uwe Holthuis misst den Wasserstand.

Doch der Projektleiter sieht auch Bewegung, aber: „Es ist ein langsames Geschäft mit der Politik“, so Holthuis. Seit dem Pariser Klimaschutzabkommen 2015 sei schon wieder viel Zeit vergangen. Leider gab es bis heute auf EU-Ebene noch keine finale Entscheidung, die Paludikulturen als förderfähig in die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) aufzunehmen.

Hier besteht höchster Handlungsdruck. Auf nationaler Ebene sieht es etwas besser aus: Paludikulturen finden in den aktuellen klimaschutzpolitischen Strategien von Bund und Ländern (z.B. Entwurf der Bund-Länder-Zielvereinbarung zum Klimaschutz durch Moorbodenschutz, „Niedersächsischer Weg“, Niedersächsischen Klimagesetz) bereits Berücksichtigung. „Landwirte reagieren immer schnell, wenn die Wirtschaftlichkeit gegeben ist, das haben wir bei Biogas und Wind gesehen“, ist Holthuis überzeugt.

Bewegung muss es aus Holthuis Sicht auch bei der Kartierung geeigneter Flächen geben: „Wir brauchen neue Karten über die Moormächtigkeiten, es wird immer noch mit Daten aus den 50ziger Jahren gearbeitet.“ Denn Paludikulturen können nicht auf jeder Moorfläche ökonomisch angelegt werden. Sehr hilfreich sei eine Flurbereinigung, um geeignete Flächen zusammenzulegen und Einzelflächen heraustauschen bzw. auch finanzielle Ausgleiche bieten zu können. So ist es auch in Barver gelaufen.

Im Emsland werde zurzeit durch NLWKN und LBEG ein neues Moorinformationssystem für Niedersachsen („MoorIS“) erstellt, welches alle Basisdaten, die für die Wiedervernässung - und damit indirekt auch für Paludikulturen - relevant sind, in einem System auf Landesebene zusammenfasst. „Moor- und Klimaschutz müssen eben groß und langfristig gedacht werden.

  • Ausblick

Die Umstellung auf „nasse“ Bewirtschaftung ist keine Entscheidung auf Ebene von Einzelbetrieben. Sie ist vielmehr wie der Emslandplan damals eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der sich neben Landwirten viele weitere Akteure wie Wasserwirtschaft, Kommunen, Naturschutz und das politische Umfeld bewegen müssen“, lautet Holthuis Fazit aus seiner und der Arbeit weiterer Akteure im Rahmen von Moor- und Klimaschutzprojekten.

Paludi-Projekte in Niedersachsen

Wie viele Paludi-Projekte gibt es in Niedersachsen und was wird dort genau untersucht?

Es gibt mehrere Projekte in Niedersachsen, zu nennen sind hier: das Torfmoosfarming (etwa fünf Flächen) im Hankhauser Moor im Landkreis Ammerland  (Greifswald Moor Centrum) mit großflächigem Anbau und Treibhausgas(THG)-Messungen; Das Sphagnum-Projekt in Barver von der Naturschutzstiftung des Landkreises Diepholz (siehe LAND & FORST Ausgabe 16/21); zwei große Flächen im Landkreis Emsland der Firma Klasmann-Deilmann, wo der THG-Austausch und die Biodiversität untersucht werden sowie Pflanzmaterial zur Verfügung gestellt wird, sowie eine kleine Fläche im Landkreis Cuxhaven, wo ebenfalls Pflanzmaterial zur Verfügung gestellt wird. Auf Niedermoor-Poldern findet im Landkreis Oldenburg unter der Projekt-Leitung des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz und des 3N-Kompetenzzentrums der Anbau von Rohrkolben und Schilf auf vormals entwässerten und landwirtschaftlich genutzten Flächen statt. Hier werden gleich mehrere Aspekte wissenschaftlich untersucht, wie der THG-Austausch, die Biodiversität und Wasserreinigung, Ernteverfahren und die Entwicklung von Produkten. Weitere Polder werden diesen Sommer eingerichtet und ein Projekt des 3N Kompetenzzentrums „Entwicklung und Erprobung von Produktketten aus Paludi-Kultur-Biomasse (vor allem Rohrkolben und Torfmoose)“.

Welche Rückschlüsse lassen sich aus diesen Projekten bezüglich der Umsetzbarkeit für den Klimaschutz ziehen?

Mit Paludi-Kultur lässt sich der Klimaschutz auf den entwässerten und landwirtschaftlich genutzten Moorböden in Niedersachsen sehr gut umsetzen, da die Treibhausgasemissionen drastisch reduziert werden. Genaue Werte lassen sich aber meist noch nicht ermitteln. Nur auf wenigen Flächen wurden bisher Messungen zum THG-Austausch gemacht, da diese sehr aufwendig sind. Bisher zeigte sich, dass gerade beim Torfmoos-Farming eine sehr große THG-Reduzierung auf fast Null-Emissionen vorhanden ist. Bei den Niedermoor-Paludi-Kulturen (Gräser wie Rohrkolben, Schilf) können jedoch hohe Methanemissionen auftreten, so dass zwar eine deutliche Reduzierung der THG-Emissionen festzustellen ist, aber die Flächen nach wie vor THG-Quellen darstellen. Daher untersuchen wir in unserem Projekt (Landkreis Oldenburg), wie man den Anbau durchführen sollte, um die Methanemissionen zu verringern.

Was muss vorbereitend geschehen, um solche Paludi-Kulturen zu etablieren?

Zunächst sind eine wasserrechtliche und naturschutzrechtliche Genehmigung oder Erlaubnis sowie eine Baugenehmigung erforderlich. Die Kosten für die Einholung von Genehmigungen und Erlaubnisse sind niedrig, aber der Aufwand hoch. Außerdem muss das Vorhaben mit Beteiligten, wie z.B. den Wasser- und Bodenverbänden, abgestimmt werden. Für die Genehmigungen können Gutachten/Fachbeiträge notwendig sein, die Kosten im vier- bis fünfstelligen Bereich verursachen können. Insgesamt ist viel Zeit einzuplanen. Für die Planung muss ein Planungsbüro beauftragt werden. Die Baumaßnahmen erfolgen dann vergleichsweise schnell, sind aber das Teuerste an den Projekten. Für den Anbau müssen Jungpflanzen oder Saatgut bestellt werden, was ggf. bis zu sechs Monate vor der Pflanzung/Aussaat erforderlich ist. Es müssen Verwallungen und Gräben angelegt werden. Das Wassermanagement erfordert Wasserpumpen, Energieversorgung (Kabel verlegen oder Photovoltaik) bzw. Windwasserpumpe (mechanisch), Pumpensteuerung, Überläufe und Wasserrohre. Vor der Pflanzung bzw. Aussaat ist Bodenbearbeitung notwendig.

Wann wird die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme gegeben sein (Marktentwicklung)?

Das kann man derzeit nicht abschätzen. Zum einen hängt das stark von den Rahmenbedingungen ab. Aus rechtlicher Sicht gibt es noch Hindernisse. Die EU-Förderpolitik muss an die Bedürfnisse der Paludi-Kultur angepasst werden; derzeit wird die entwässerungsbasierte Landwirtschaft gefördert, wohingegen nasse Anbausysteme keine Förderung erhalten. Zum anderen sind die Produkte aus Paludi-Kulturen noch nicht ausgereift und damit noch nicht marktfähig. Die Technik, z.B. Erntetechnik, muss noch weiterentwickelt werden, dadurch werden auch die Kosten beim Anbau langfristig sinken.

Welche finanzielle Unterstützung brauchen solche Systeme (Agrarförderung)?

Momentan erhält ein Landwirt eine finanzielle Unterstützung, wenn er entwässerungsbasierten Ackerbau auf Moorboden betreibt. Wenn ein Landwirt seine Moorbodenfläche vernässt und nachwachsende Rohstoffe anbaut, bekommt er keine finanzielle Unterstützung mehr. Derzeit ist keine Änderung dieser Regelung in der neuen EU-Förderperiode in Sicht. In einem ersten Schritt muss der moorschonende Anbau mindestens gleichgestellt sein mit dem entwässerungsbasierten Anbau. Darüber hinaus sollten die „Ökosystemleistungen“ entsprechend vergütet werden. Insbesondere leistet der Landwirt einen Beitrag zum Klimaschutz und damit erbringt der Landwirt eine Leistung für die Gesellschaft, für die er „bezahlt“ werden muss. Bei der praktischen Umsetzung der Paludi-Kultur in einer Region gibt es aber noch mehr Ansatzpunkte: Z.B. sollte das Wassermanagement von der Gesellschaft getragen werden, so wie es bei der entwässerungsbasierten Landwirtschaft derzeit auch der Fall ist, und nicht dem Einzelnen überlassen bleiben.

Colja Beyer, 3N-Kompetenzzentrum, Werlte

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